Der Heimtrainer

Schon dein Name mag auf manche wie eine Unfallstelle im Duden wirken. Hör nicht auf sie, Heimtrainer, für mich klingst du perfekt: dieses unverkrampfte Zusammenspiel aus Gemütlichkeit und Anstrengung! Höre ich deinen Namen, Heimtrainer, schwingt da zwar ein Hauch von Schweiß mit, aber auch der behagliche Geruch von Erbsensuppe mit Mettwursteinlage. Und das Beste ist: Du hältst, was dein Name verspricht. Auf dir wird Sport heimelig.

Tja, Sport. Ein notwendiges Übel, wenn du mich fragst. Die Romantik des Waldjoggers, der, hach, in tiefen Zügen die moosige Morgenluft genießt; der Drang des Yogakurs-Mitglieds nach Kontemplation, für den diese Verrenkungen, bäh, Achtsamkeit bedeuten; das bewusste, oje, Sporteln des, o Gott, Fitness-Lovers – alles nicht meins. Ich will meinen Sport so, wie der Patient idealerweise seine Blutabnahme will: beiläufig, ohne Komplikationen, schnell vorbei.

Die abendliche Dreiviertelstunde mit dir, Heimtrainer, sie vergeht im Nu, weil ich dabei alles machen kann, was mich das Strampeln vergessen lässt und mir sonst wie verlorene Lebenszeit vorkäme: Ich führe meinem Gehirn dann gern Fast Food zu, quasi zum Ausgleich der auf dir so unmerklich verbrannten Kalorien.

Ach, was haben wir schon erlebt! Einmal, weißt du noch, da habe ich den Kanal des schrecklich beliebten YouTubers Casey Neistat angeschmissen und stumpf durchlaufen lassen, erinnerst du dich an das kribbelige Gefühl der Fremdscham? Wir haben jetzt wohl auch alle Adam-Sandler-Gags einmal gehört, was haben wir gelacht, und ein Halbwissen über Comic-Verfilmungen angehäuft, das mich gelegentlich dazu verführt, mir dich und mich als Superhelden-Team vorzustellen. Ich Batman, du Batmobil.

Zugleich bist du keine dieser eitlen Maschinen, die sie vor den Cafés spazieren schieben, kein Fixie, allein der Name klingt schon eingebildet, kein gepimptes BMX-Rad, nein, du suchst das Rampenlicht ja gar nicht, drängst dich nie in den Vordergrund. Du bist der kleine Mann unter den pedalbetriebenen Fitnessgeräten, schweigst im Eck und wartest duldsam auf deinen Einsatz. Treu bist du und angenehm anspruchslos. Ich muss (und kann) dir nicht viel bieten, Heimtrainer, das weißt du, und das reicht dir. Es ist unkompliziert.

Lass die anderen ruhig über uns lachen, lass sie ihre Speedo-Astralkörper im Jugendstil-Schwimmbad instagramtauglich zur Schau stellen, lass sie beim Laufen in den Parks glänzen, erst vor den Grillern und Hundebesitzern und dann noch in der App, die allen, die nicht im Park waren, nachzeichnet, welch augenschmeichelnde Landschaften man soeben durchschwitzt hat. Die Schönheit unserer Treffen, Heimtrainer, liegt im Understatement. Sie liegt im Verborgenen.

Da, wo ich dich treffe, gibt es keine anfeuernden oder geifernden Spontan-Kommentatoren, da sind keine kläffenden Hunde, da bist nur du, mein stillschweigender Begleiter im Schlafzimmer, der meine Schweißtropfen auf seinem Gehäuse hinnimmt, ohne mit dem Pedal zu zucken. Du bist so genügsam, sogar eine rauchen, den Aschenbecher abgelegt auf deinem schlichten Display, oder einen Big Mac essen könnte ich auf dir, keiner würde blöd gucken, schon gar nicht du. Lediglich surren würdest du, stets gleich unaufdringlich, Musik in meinen Ohren.

Heimtrainer, gesellt sich eines Tages ein Quietschen zu deinem Surren, werde ich dich ölen und salben; versagen deine Gelenke aus Metall und Plastik, werde ich dir Prothesen zu überhöhten Preisen im Internet bestellen; ich werde dir im Alter dienen, weil ich weiß: Auch du wirst mich akzeptieren, wenn ich selbst alt und rostig bin und mich schon den ganzen Tag nur auf eines freue. Erbsensuppe.