Familien tummeln sich auf Tiroler Bergspitzen, Senioren wandern durch das Salzburgerland und Aktivsportler brettern auf Mountainbikes durch die Wälder. Wenn die Hitze in der Großstadt drückt, suchen viele die Kühle auf den Bergen. Dabei galt der Sommertourismus in den Alpen lange Zeit als Stiefkind des Winters. Mit Skifahrern lässt sich gutes Geld verdienen, mit Wanderern eher weniger. Doch wenn es in den Metropolen unerträglich heiß wird, beginnen Städter nun wieder in die Alpen zu strömen. Erlebt die Sommerfrische eine Renaissance? Ist der Klimawandel gar eine Chance für den Alpentourismus?

Wie wenig der Sommertourismus noch vor wenigen Jahren galt und wie groß sein Potenzial ist, lässt sich anhand der Geschichte der Salzburger Tourismusgemeinde Leogang erzählen. Dort stand Ende der neunziger Jahre gar zur Debatte, die Bergbahn im Sommer überhaupt zu schließen. Die zweite Option: Man überlegt sich etwas Neues und entscheidet sich für den riskanten Weg.

Zwar galten Mountainbiker am Berg vielen als lästige Erscheinung, trotzdem eröffnete im Jahr 2001 der Bikepark in Leogang und war damit einer der ersten in Europa. "Der Park wurde dann immer größer, der Mountainbike-Downhill-Weltcup kam in den Ort, und die Zahlen stiegen", sagt Katharina Auer von Saalfelden Leogang Touristik.

Heute sind die Nächtigungszahlen zwischen Sommer und Winter in Leogang fast ausgeglichen. Die Bergbahn verdient auch ohne Schnee Geld. Mittlerweile kommen Gäste, die früher als Jugendliche auf Rädern die Trails heruntergebrettert sind, mit ihren Familien auf Urlaub.

Für Leogang ist Biken ein Alleinstellungsmerkmal und das Aushängeschild. Doch das allein würde nicht genügen. "Das ganze sportliche Angebot wurde ausgebaut, auch das klassische Wandern ist bei uns wieder ein großes Thema", sagt Auer.

Denn wer glaubt, mit Radfahrern allein reüssieren zu können, der täuscht sich. Das sagt auch Harald Maier, der jedes Jahr im September den Mountainbike Kongress in Saalfelden veranstaltet: "Die wirklichen Biker, das ist eine elitäre Gruppe, vielleicht zehn Prozent des gesamten Marktes", sagt er. "Der durchschnittliche Berggast möchte mehrere Attraktionen haben, ein wenig Rad fahren, wandern und dann auch ein kulturelles Angebot."

Die Sommerfrische als Flucht aus der Stadt war im 19. Jahrhundert ein weitverbreitetes Phänomen. Es begann mit Adeligen, die sich im Sommer aus den Städten auf ihre Herrensitze zurückzogen. Dann kamen die Künstler und Großbürger, welche die heiße Jahreszeit in der Provinz verbrachten. Ob in Hotels aus der Belle Époque oder in eigenen Landhäusern: Mit Sack und Pack verlegten zahlungskräftige Urlauber ihren Lebensmittelpunkt in die Provinz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Massentourismus. Die Erstürmung der Gipfel war nicht mehr der Oberschicht vorbehalten. Und mit den Gästen kam die Aufrüstung: Lifte wurden gebaut, Hotels vergrößert und Skipisten angelegt. Der Winter ließ den Sommer an Bedeutung bald hinter sich, die Bewunderung der Alpen wich der sportlichen Aktivität im Schnee. Einst verarmte Bauernorte wurden in der kalten Jahreszeit zu eigenen Marken und zu brodelnden Hotspots. Aus Bauern wurden reiche Hoteliers.

Der Sommer wurde in dieser Phase vernachlässigt. Doch die Kapazitäten im Winter stoßen mittlerweile an ihre Grenzen, Wachstum ist schwer möglich, und der Klimawandel macht der Schneesicherheit vielerorts den Garaus. Die Ausgaben für künstliche Beschneiung steigen – und wie lange sich die hohen Investitionen überhaupt noch rechnen, ist gerade in tiefer gelegenen Orten fraglich. "Wenn der Skibetrieb aufrechterhalten werden soll, kommen riesige Kosten für Beschneiung auf die Regionen zu", sagt Therese Lehmann, Tourismusforscherin an der Universität Bern. "Da stellt sich schon die ketzerische Frage, ob es nicht Destinationen gibt, die nur noch künstlich durch Subventionen der öffentlichen Hand das Kosten-Nutzen-Verhältnis für Beschneiung im Lot halten können."

Derweil steigen die Zahlen im Sommer stetig an, allein in Salzburg stehen 16 Millionen Nächtigungen im Winter 13 Millionen im Sommer gegenüber. "Es geht in Richtung Ausgeglichenheit", sagt Leo Bauernberger, Geschäftsführer von SalzburgerLand Tourismus. Die Hauptzielgruppe seien ältere Gäste. "Dieses Klientel genießt es, der Hitze zu entkommen, und schätzt das Umfeld. Dazu sind über 60-Jährige mittlerweile sehr vorsichtig in der Urlaubsplanung, sie wollen sich überfüllte Flughäfen sowie mögliche Pilotenstreiks nicht mehr antun und fahren lieber mit dem Zug in die Alpen", sagt Bauernberger.

Aber auch er weiß, dass Übernachtungszahlen wenig über die Wertschöpfung aussagen. Laut Zahlen der Wirtschaftskammer gibt ein Wintergast täglich 152 Euro aus, der Sommertourist 125 Euro.

"Wer im Sommer ein Allerweltsangebot hat, ohne besondere Attraktion und ohne Idee, der wird auf viele Jahre keine gute Wertschöpfung haben", sagt Leo Bauernberger.