Der jüdische Komiker Larry David hatte einst die Idee zu einem Fatwa-Musical. Denn wenn es noch Götter gibt, die zu schmähen sich lohnt, dann jene, die von grimmigen Religionswächtern verteidigt werden. Larry also (inspiriert von Salman Rushdies echter Fatwa) stellte sein fiktives Musical in einer fiktiven Fernsehshow vor, worin er auf die Frage des Moderators, wer denn die Hauptrolle des Ajatollah übernehme, stolz antwortete: Ich!

Nun muss man wissen, dass Larry David ein sozusagen typisch jüdischer Fernsehkomiker ist, ein schmächtiger Intellektueller mit Fusselhaar und voller Provokationslust. Die Fatwa-Episode ist auch deshalb lustig, weil sie den Blasphemiker als Hasenfuß entlarvt: Larry, der Ajatollah-Reizer, wird nämlich vom "echten" Ajatollah mit einer "echten" Fatwa bestraft. Man sieht den drohenden Religionsführer und sieht, wie Larry in Panik verfällt, sogleich bereit, sich zu entschuldigen, ja zum Islam zu konvertieren. Doch der Ajatollah erklärt, Larry sei nun des Todes, selbst im Fall der Umkehr.

Salman Rushdie rät, auch mal das Gute an so einer Fatwa zu sehen

Was ist ein guter Witz? Einer, der aufklärt, Verborgenes ans Licht bringt, gedankenerhellende Kraft entfaltet. Oft benutzt er die klassische Witztechnik: Ähnlichkeiten zwischen Unähnlichem finden, und Unpassendes verbinden zum Zweck der Entlarvung. Entlarvt wird bei Larry David etwas politisch Brisantes: das zwiespältige Verhältnis unserer Zeit zu Gott, die Strenge des Frommen und die Wurstigkeit des Unfrommen, die Härte des konservativen Islams und das Hysterische der Islamophobie, das Humorlose der Religion und das Respektlose der Religionskritik.

"Der Witz ist der verkleidete Priester, der jedes Paar traut", sagte der deutsche Dichter und Pastorensohn Jean Paul. Also: Wahrhafte Komik lebt vom Kontrast. Doch leider, nicht jeder Kontrast ist komisch, wie der Fall des ehemaligen britischen Außenministers lehrt. Boris Johnson hat muslimische Frauen, die Burka tragen, verhöhnt, er verglich sie mit "Bankräubern" und "Briefkästen". Das war idiotisch, zumal Johnson kein Komiker ist, sondern bis eben noch Außenminister war. Er ist der mächtigste Brexit-Befürworter seines Landes und sitzt weiter im Unterhaus – bestimmt also die Geschicke des Königreichs. Will man, dass ein Politiker mit so viel Verantwortung religiöse Minderheiten bepöbelt? Man will es nicht. Wenn überhaupt, soll er gebildete Witze machen, die davon leben, Erwartungen charmant zu enttäuschen. Johnson dagegen hat sich als fieser Einfaltspinsel erwiesen, der mit der Hofnarrenmethode billigen Beifall erheischt. Ob ein Witz witzig ist, hängt eben auch von der Bühne ab, auf der man ihn reißt.

Johnson wurde gleich hart kritisiert. Seine Partei leitete ein Disziplinarverfahren ein, und Premierministerin Theresa May forderte eine Entschuldigung. Nur der Komiker Rowan Atkinson, bekannt als Mr. Bean, hat ihn verteidigt: Witze über Religion finde immer irgendwer beleidigend. Niemand müsse sich entschuldigen. Hauptsache, der Witz sei gut. Richtig. Gott sei Dank gibt es die Meinungsfreiheit, kein Scherzbold muss vor den Hütern des Heiligen kuschen. Gut war Johnsons Witz trotzdem nicht, selbst wenn mancher über ihn lachen mag. Gelächter ist auch noch kein Beweis für Humor.

Und das Traurigste an Johnsons schlechtem Scherz: dass er die schlechtesten Verteidiger der Religion auf den Plan rief. Verbissene Fromme aller Glaubensrichtungen, die Blasphemie schon immer verbieten wollten; aggressive Islamfromme, die jede Religionskritik strafwürdig finden.

Das kann in einer freien Gesellschaft nun nicht die Pointe eines vergeigten Witzes sein. Lang genug hat es gedauert, bis man im Westen ein aufgeklärtes Verhältnis zum Glauben fand. Schön wäre, wenn wir künftig ganz ohne die Sehnsucht nach Blasphemieparagrafen, ohne die Verketzerung Ungläubiger auskommen. Bis dahin aber brauchen wir Komiker wie Larry David, die das Erbe der Aufklärer hochhalten. Nein, sie haben nicht nur nette Scherze über Gott gemacht. Sie wussten: Am meisten Spaß macht der verbotene Witz, weil er das Hochheilige entzaubert und die Gottesfurcht schrumpfen lässt auf ein menschenfreundliches Maß.

Larry David besucht am Ende seines Fatwa-Sketches übrigens den echten Salman Rushdie. Der rät ihm, man müsse auch das Positive an der Fatwa sehen: Ein von Fanatikern verfolgter Mann lebe gefährlich – und das fänden Frauen extrem sexy. Larry hört es mit leuchtenden Augen: Fatwa-Sex! Best sex of your life!

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