Vorab und um Missverständnisse zu vermeiden: Der Kolonialismus war ein grausames System, gegründet auf der Gier, der Selbsterhöhung und dem Sendungsbewusstsein weißer Männer. Er ging über Leichen, schuf Abhängigkeiten und hinterließ Wunden, die vielerorts bis heute nicht verheilt sind. Das alles ist unbestreitbar, genauso, dass sich viele europäische Länder mit diesem Erbe und ihrer Verantwortung dafür bis heute schwer tun.

Die These, die Gero von Randow unlängst formuliert hat, geht jedoch weiter. "Der Kolonialismus wirkt in der politischen Gegenwart fort", schrieb er und konstatierte: "Dschihad, Krieg, Hunger, Migration, Umweltkrisen – keines dieser harten Themen von heute ist zu verstehen ohne die Kolonialgeschichte" (ZEIT Nr. 32/18). Der Kolonialismus, so von Randow, sei "der große Bumerang, der auf seine Herkunftsländer zufliegt". Manche Migranten, die sich auf den Weg nach Europa machten, schreibt er, kämen mit dem Vorsatz nach Europa, "sich zu rächen".

Die moralische Implikation der Bumerang-These ist offensichtlich. Wenn die Migranten, die sich heute auf den Weg nach Europa machen, als Rächer der Geschichte auftreten; wenn die jungen Afrikaner, die auf dem Mittelmeer ihr Leben riskieren, eine Rechnung begleichen, die ihre Vorväter mit Schweiß und Blut gezeichnet haben, dann stehen wir in ihrer Schuld. Wir Europäer, Nachfahren der Kolonialherren. Dann haben wir politisch wenig Spielraum, und schon gar nicht dürfen wir Migranten dann zurückschicken.

Aber stimmt das überhaupt? Ist die Epoche des Kolonialismus, die vor mehr als einem halben Jahrhundert endete, wirklich der Hauptgrund für die anhaltende Kluft zwischen Nord und Süd? Für Armut, Hunger, Terror, Krieg?

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Das Konzept des Dschihad, zum Beispiel, ist deutlich älter als der Kolonialismus und seine Bedeutung unter muslimischen Gelehrten ebenso lange umstritten. Die Auslegung des Dschihad als bewaffneter Kampf für die Verbreitung des Islams hatte seine ersten Anhänger bald nach dem Tod Mohammeds, also im 7. Jahrhundert. Der islamistische Terror wiederum, der sich auf den Dschihad beruft, ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die Moderne, die die muslimische Welt erfasst hat. Bis heute wird er vor allem innerhalb der muslimischen Gemeinschaft geführt, dort fordert er bis heute auch die meisten Opfer. Ein Bumerang? Nur wenn man alle anderen Motive ausblendet.

Es führt auch kein direkter Weg vom Kolonialismus zu den Umweltkrisen unserer Tage. Natürlich spiegelt der Klimawandel die globale Ungleichheit und verschärft die Gerechtigkeitsfrage. Die einen, mehrheitlich Reiche, verbrauchen die Ressourcen; bei den anderen, mehrheitlich Arme, steigt der Meeresspiegel, haben Hitze und Dürre tödliche Folgen. Nur hat der Kolonialismus zum Klimawandel nicht allzu viel beigetragen.

Im Gegenteil, der klimafeindlichste Rohstoff, der in den Kolonien zu holen war, nämlich Öl, wurde im großen Stil erst nach dem Ende der Kolonialherrschaft gefördert. Saudi-Arabien und die Golfstaaten, aber auch Algerien, Libyen oder in jüngerer Zeit Angola – alles ehemalige Kolonien – sind zu den größten Erdölförderern der Welt aufgestiegen. Die Gründung der Organisation Erdöl exportierender Länder, Opec, 1960 fällt nicht zufällig zusammen mit dem Höhepunkt der Dekolonisierung. Ihre monopolistische Preispolitik, schreiben die Historiker Jan C. Jansen und Jürgen Osterhammel in ihrem Buch Dekolonisation, "führte zu der radikalsten und erfolgreichsten Korrektur von wirtschaftlicher Abhängigkeit des Südens, ohne im Mindesten von ideologischen Vorbehalten gegen den ›neoimperialistischen‹ Norden motiviert zu sein".

Postkoloniale Staaten wie Saudi-Arabien oder Kuwait verdanken ihren Reichtum ausgerechnet jenem Rohstoff, dessen massenhafter Verbrauch mehr und mehr ihre eigene Existenzgrundlage bedroht – das ist eine bittere Pointe. Aber keine direkte Folge des Kolonialismus.

Von Randow legt den Fokus seines Essays auf das Thema Migration. Es sei kein Zufall, argumentiert er, "dass die in den globalen Norden ziehenden Migranten überwiegend aus dessen ehemaligen Kolonien stammen". Das ist indes wenig überraschend. Wo sollten die Migranten denn sonst herkommen? Der größte Teil der nicht westlichen Welt war in den vergangenen Jahrhunderten eine Kolonie. Zwei Fünftel der Weltbevölkerung, schätzen die Historiker, unterstanden nach dem Ersten Weltkrieg kolonialer Herrschaft, dazu gehörten die allermeisten Afrikaner.