DIE ZEIT: Herr Beck, heute scheint fast alles, was Spaß macht oder lecker schmeckt, irgendjemandem zu schaden. Fliegen ist schlecht für die Umwelt, Zuchtlachs essen schlecht für die Meere – zwei aktuelle Beispiele, die jüngst auch in der ZEIT diskutiert wurden. Ist der Konsument wirklich immer persönlich schuld?

Valentin Beck: Sieht man mal von den Exzessen ab, dann würde ich privaten Konsum eher nicht moralisch verurteilen. Denn die bedrohlichen Folgen, also beispielsweise die rasante Umweltzerstörung, entstehen ja nicht durch das Handeln eines einzelnen Menschen. Sie sind die Folge kollektiver Prozesse. Da spielt die Politik eine große Rolle und die sozialen Strukturen, in denen wir handeln.

ZEIT: Ich brauche also beim Fliegen kein schlechtes Gewissen zu haben? Die Strukturen sind schuld?

Beck: Ganz so einfach ist die Sache nun auch nicht. Exzessives Vielfliegen ist sicher moralisch verwerflich. Da halte ich es mit Aristoteles.

ZEIT: Der hat aber über das Fliegen nichts gesagt, oder?

Beck: Nein, er kannte die Technik natürlich nicht. Aber er hat über Mitte und Maß nachgedacht. Für ihn war zügelloses Verhalten ein Laster, er warb für das Maßhalten. Das bedeutet auf heute übertragen: Wenn wir wissen, dass beim Fliegen übermäßig viel CO₂ ausgestoßen wird, was wiederum den Klimawandel beschleunigt, der für viele Menschen schlimme Folgen haben wird – dann wäre es im aristotelischen Sinne unmäßig, sehr häufig zu fliegen. Immanuel Kant oder John Stuart Mill hätten das mit anderen Begründungen wahrscheinlich ähnlich gesehen.

ZEIT: Hätten sich diese Philosophen für die Motive des Reisenden interessiert – hätten sie beispielsweise eine private Vergnügungsreise stärker verurteilt als einen beruflichen Flug?

Beck: Da ist natürlich jede Antwort hoch spekulativ. Für Aristoteles aber ist ein Mensch mit gutem Charakter nicht unnötig verschwenderisch, egal warum er etwas tut. Kant wiederum fragte nach den allgemeingültigen Regeln für das eigene Handeln. Die müssen, wenn sie moralisch sein sollen, universalisierbar sein. Flögen alle Menschen so viel wie wir im Westen, drohte sehr schnell der Klimakollaps. Also ist Vielfliegen auch im Kantschen Sinne unmoralisch. Mit Mill ließe sich sagen, dass das exzessive Fliegen in der Konsequenz dem Allgemeinwohl schadet und deshalb unmoralisch ist.

ZEIT: Und was halten Sie von dem latent schlechten Gewissen vieler Menschen, die unsicher sind, wie viel Konsum noch in Ordnung ist?

Beck: Das schlechte Gewissen ist an sich nichts Schlechtes. Denn es kann einen ja dazu bringen, darüber nachzudenken, wie wir eigentlich leben sollten. Warum wir alle übermäßig verschwenderisch und auf Kosten der Umwelt leben. Warum wir Exzesse schon vermeiden sollten. Aber auch, warum das privat richtige Verhalten im Großen nur wenig verändern kann, wenn wir zugleich die Strukturen nicht verändern.