Am Montag hat in Sachsen das neue Schuljahr begonnen. Schon am Wochenende zuvor wurden traditionsgemäß die Kleinsten, die Schulanfänger, begrüßt. Schulanfangsfeiern, das muss man wissen, sind hierzulande oft Feste von gehörigem Ausmaß. Nicht selten scharen sich 20 bis 30 Erwachsene fröhlich um einen Erstklässler, um ihn für die nächsten zehn oder zwölf Jahre zu ermutigen. Es beginnt mit einer Feierstunde in der Aula am Vormittag.

Auch ich war am Samstag bei einer solchen zugegen, habe herzerwärmende Bilder aufgesogen: niedliche Schulanfänger mit viel Verwandtschaft und wenigen Zähnen. Aufgeregte Eltern, Mut zulächelnde Lehrerinnen. Kopftücher in allen Farben. Hübsche Familien, gut gekleidet, urlaubserholt. Ich befand mich in einem Reigen idyllischer Zufallseindrücke, die einen fast glauben machten, die Welt sei vielleicht doch noch ein sehr empfehlenswerter Platz zum Leben und die sächsische Schullandschaft dessen Luxusresort.

Die jüngsten Aussagen des hiesigen Kultusministeriums zum Schulstart 2018 klingen allerdings anders. Für den berühmten "Ernst des Lebens" scheint man seitens der Politik erstaunlich wenig vorgesorgt zu haben. "Wir haben ein schwieriges Schuljahr vor uns", sagte der sächsische Kultusminister Christian Piwarz. Man müsse mit den "Hypotheken der Vergangenheit umgehen."

Was genau ist hier gemeint?

In erster Linie fehlen dem Land noch immer die Lehrer. Mit diesem Problem ist Sachsen zweifellos nicht allein, nur scheint es zur Stunde besonders hart gebeutelt. Von den 1429 Lehrern, die augenblicklich benötigt würden, konnten 1199 eingestellt werden. 30 Prozent davon seien Seiteneinsteiger. So weit die Zahlen, die den einen Schnappatmung verursachen und den anderen graue Haare.

Festzustellen ist: Es sind zu wenige Lehrer da. Für die vorhandenen, also auch für mich, bedeutet das Auslastung bis zum Anschlag. Sachsen fordert ohnehin die höchste Wochenstundenzahl von seinen Lehrenden. Dass man dafür Förderstunden und Zusatzangebote gekürzt hat, mag uns die Arbeit erleichtern, die Qualität der Bildung macht es nicht besser.

Seiteneinsteiger jedoch sind meines Erachtens nicht per se ein Makel eines Bildungssystems. Im Gegenteil: Sie können eine große Bereicherung sein – nur vielleicht nicht in jedem Bereich. Im Realschulsektor kann eine Person, die sich im Berufsleben bewährt hat, durchaus großes Identifikationspotenzial für Heranwachsende bieten. In der Grundschule ist das anders. Deren Didaktik ist eine Kunst für sich, die man wirklich erlernen muss, so viel persönliche Begabung beim Einzelnen auch im Spiel sein mag. Ich habe allergrößten Respekt davor.

Ob man aber mithilfe von Seiteneinsteigern die Hypotheken der Vergangenheit abbauen kann? Sie sind ganz schön groß.

Als Brunhilde Kurth, ehemalige sächsische Kultusministerin, im vergangenen Oktober das Handtuch warf, weil sie keine Kraft mehr hatte und öfter etwas mit der Enkelin im schönen, aber weit entfernten Stuttgart unternehmen wollte, drängte sich die Frage auf, was sie hinterließ. Um ehrlich zu sein: Allzu viel Gutes kam mir damals nicht in den Sinn.

Sachsens Bildungslandschaft hatte sich marode gespart, lag gebietsweise da wie ein verstümmeltes Restchen Natur nach Jahrzehnten des Tagebaus. Die Lehrer, die noch da waren, unterrichteten fröhlich an sämtlichen Schulformen, blieben fit durch zeitlich fordernde Abordnungen an andere Schulen innerhalb des Stadtgebietes, bildeten sich weiter, indem sie möglichst viele Fächer unterrichteten, die sie nicht studiert hatten.

Schüler wiederum waren nicht unglücklich über ein Übermaß an Freizeit, nicht selten wurden sie auch schon mal nach zwei Stunden Unterricht nach Hause geschickt, weil einfach kein Lehrer mehr frei war, der sich ihrer hätte annehmen können. An besonders guten Tagen durften sie zu Hause bleiben. Ein Schülertraum!

Trotzdem griff niemand ein ins Rad der Bürokratie, um es einmal anzuhalten. Jede Lese- und Rechtschreibstörung musste sorgfältig dokumentiert werden, jeder Schüler mit Lernproblemen integriert (zumindest auf dem Papier), jeder Wandertag und jede Projektwoche langatmig evaluiert, jeder Gang in den Park mit den Schülern schriftlich beantragt werden. Einfach so zum Unterrichten zur Arbeit erscheinen? Wo kämen wir da hin?! Am Ende aber stand "immer ein gutes Ergebnis für die sächsischen Schüler und Lehrer", wie es sich die Politik selbst bescheinigte. Ich halte das für zumindest partielle Augenwischerei.

Der Gedanke an den Schulstart fällt schon aus solch einer Stimmung heraus verständlicherweise nicht ganz leicht, niemandem vermutlich. Weder den Schülern, die sich naturgemäß nur ungern vom Dolcefarniente verabschieden, um sich allmorgendlich erneut in ein um sie herum gestricktes Netz aus Regeln, Rangordnung und Stundenplan zu begeben, noch den in Sachsen verbliebenen Lehrern, die sich nicht weniger oft davor fürchten, sich in dem seltsamen Gewirr aus Gesetzen, Ziffern und Paragrafen zu verfangen, durch das sie sich im Berufsalltag nicht immer ganz mühelos zu hangeln haben.

Kurt Masur, unser großer Leipziger Weltbürger, soll einmal gesagt haben: "Ich würde keinen Sinn in meinem Leben sehen, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass Musik etwas bewirkt." Solange es auch hier Lehrer gibt, die dasselbe über ihre Arbeit zu sagen vermögen, wohnt auch diesem Schuljahresanfang ein berechtigter Zauber inne. Selbst in Sachsen.