Männer, die sich an Stangen empor in den Himmel schrauben, Pirouetten drehen, Handstände, Kopfstände vollführen und sich dann unverhofft der Schwerkraft ergeben, als wollten sie doch nicht Ikarus sein: Stabhochspringer sind die Kaiser der Lüfte unter den Leichtathleten. Dort oben – das lehrt uns die Berliner EM vom Wochenende – gelten andere Regeln. Kein stiernackiges Höher, Schneller, Weiter, keine Wettkampfschinderei voller Blut, Schweiß und Tränen. Nichts scheint der Stabhochspringer so sehr zu fürchten wie die Einsamkeit des Siegers, und wem das graues Theoriegemümmel ist, der vergegenwärtige sich kurz den Blick des 18-jährigen Schweden, als dieser am Sonntag über die auf 6,05 Metern liegende Latte segelt und Europameister wird: ungläubig, halb entsetzt, ja paralysiert, als müsste er seinen Weg fortan allein gehen. Erst die Verlierer, der Franzose, der Pole, der Russe, die ihn schon nach 5,90, 5,95 und 6,00 Metern umhalst und geherzt hatten, als wollten sie ihn adoptieren, erst sie bringen ihn wieder zu sich, und am Ende ist es für alle ein Fest. Wie anders die Frauen! Mit Stab gewinnen zwei noch recht verträgliche Griechinnen, während ohne Stab, bei den Hochspringerinnen, der blanke kalte Krieg herrscht. Die Zweitplatzierte, eine Bulgarin, verzieht keine Miene, und die Siegerin, eine Offizierin der russischen Streitkräfte, tritt kräftig gegen ein Gerüst, als sie das selbst gesteckte Ziel von 2,04 Metern nicht erreicht. Merke: je bodennäher, desto unsportlicher. Außerdem sind Männer natürlich die besseren Menschen.