Am Sonntagnachmittag um kurz nach halb sechs steht Lucien Favre da, wo er überhaupt nicht gern steht, nämlich im Mittelpunkt. Weiter vorn auf der Wiese mühen sich seine Leute mit den Spielkameraden von Lazio Rom. Ein letzter Test, eine Woche, bevor es ernst wird für die Borussia aus Dortmund und ihren Schweizer Trainer. Der Ball fliegt über die Seitenlinie, direkt auf Favre, der ihn elegant mit dem linken Oberschenkel stoppt und mit dem rechten Fuß zurück auf den Platz chippt. Stille im Publikum.

Borussia Dortmund testet auswärts, ein paar Kilometer weiter westlich in Essen. Hafenstraße, alter Fußballadel, verarmt, gerade 9000 Zuschauer sind gekommen. Es braucht schon ein paar Sekunden, bis der Szenenapplaus losbricht. Favre verneigt sich kurz. Er lächelt sein bezaubernd-scheues Nerd-Lächeln ins Publikum, dreht sich schnell wieder um und schaut dem Ball so sehnsüchtig hinterher wie ein Liebhaber seiner Braut, die er gerade auf dem Bahnhof verabschiedet hat. Lucien Favre liebt den Fußball, wie er sonst nur seine Frau, Kinder und Enkel liebt, "wenn es um dieses Spiel geht, können Sie mich mitten in der Nacht wecken, und ich werde bereit sein".

Er liebt den Fußball, aber der Fußball macht es ihm nicht immer leicht. Erst recht nicht in diesen immer wiederkehrenden Tagen, bevor es losgeht und die scheinbar belanglose Routine des wochenlangen Übens in den Ernst des Alltags übergeht. Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League. Favre freut sich darauf, aber er spürt den Druck, vor allem den selbst auferlegten, und die Zeit ist notorisch knapp. "Es gibt so viel zu tun", und ein Perfektionist wie er ist nie zufrieden, kann es gar nicht sein. Seine immer wiederkehrende Frage lautet: Sind wir bereit? Selten beantwortet er sie positiv.

Ein paar Spieler sind nach der WM in Russland erst spät ins Training eingestiegen. Zum Beispiel Marco Reus, Favres Lieblingsspieler aus alten Gladbacher Zeiten. Oder der neu verpflichtete Belgier Axel Witsel, er soll fortan die Defensivarbeit im Dortmunder Mittelfeld organisieren. Favre ordnet und sortiert, der Kader ist ihm zu groß und doch zu klein. Er würde wohl ganz gern ein paar überzählige Spieler loswerden und dazu noch einen neuen Stürmer bekommen. Einen wie Pierre-Emerick Aubameyang, der in seiner besten Saison 45 Tore für den BVB geschossen hat und noch mal 23 in dem halben Jahr danach, bis er im Dezember 2017 seinen Wechsel zum FC Arsenal erzwang. "45 Tore – das ist schon eine Menge", sagt Favre und weist doch gleich darauf hin, dass er nichts, aber auch überhaupt nichts fordere vom Verein: "Ich bin zufrieden, wie es ist". Soll bloß keiner auf die Idee kommen, er sei ein Querulant und Zauderer, der die Vorgesetzten mit seinen personellen Vorstellungen zur Weißglut treibe, diesen Ruf hatte er ja mal.

Ein Gespräch kurz nach dem finalen Test gegen Lazio Rom, acht Tage vor dem Pokalspiel beim Zweitligisten Fürth. Favre nimmt sich eine Viertelstunde Zeit im Raum der Physiotherapeuten, sie haben glücklicherweise nichts zu tun. Der BVB hat 1:0 gewonnen, was auf der einen Seite von eher untergeordneter Bedeutung ist und auf der anderen Seite doch existenziell wichtig. Testspiele sind Testspiele, sie werden aus der Belastungsphase heraus bestritten, und kein Spieler liefert 100 Prozent Leistung und geht 100 Prozent Risiko, weil es eben um nichts geht und Verletzungen unbedingt zu vermeiden sind. Es geht nicht um Siege, sondern um das Einspielen von Automatismen. Aber die Öffentlichkeit zählt nun mal mit und addiert Test um Test; wer dreimal in Folge nicht gewinnt, steckt für den Boulevard schon in der Krise.

Der BVB hat vor dem Spiel gegen Lazio zuletzt gegen Benfica Lissabon nach Elfmeterschießen verloren und gegen Stade Rennes in der Nachspielzeit das 1:1 kassiert. Da tut der Sieg gegen die Römer gut. "Wird schon", sagt Favre, er wirkt unruhig, tritt von einem Bein aufs andere, lächelt und spielt mit dem Zettel in seiner Hand.

Drei Jahre nach seinem überstürzten Abschied aus Mönchengladbach ist Lucien Favre zurück in der Bundesliga. Nach einem knappen Jahr Pause und zuletzt zwei Spielzeiten in Nizza, wo er ein mittelmäßiges Team auf höchstem Niveau konkurrenzfähig und beinahe zum Meister gemacht hat gegen die milliardenschwere Konkurrenz aus Monaco und Paris. Dortmund wird einen anderen, einen neuen Lucien Favre kennenlernen. Sein Haar ist grauer geworden und sticht in Richtung Weiß, er ist im vergangenen November 60 Jahre alt geworden und mittlerweile zweifacher Großvater. Er arbeitet immer noch hoch konzentriert an jedem Detail und ruht doch tiefer in sich, als das bei seinen vorherigen Bundesliga-Engagements der Fall zu sein schien.

Bei Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach ist Favre in der öffentlichen Wahrnehmung trotz aller Erfolge oft auf seine Ungeduld reduziert worden und seinen Fatalismus in Phasen sportlicher Baisse. Beide Engagements endeten nur bedingt versöhnlich. Längst hat er Frieden geschlossen, die alten Geschichten sind passé. "Ich mag Berlin und Gladbach", sagt Favre. "Und ich mag die Bundesliga." Beim ersten öffentlichen Training steht Favre als Letzter auf dem Platz. Noch eine halbe Stunde nachdem sich die Spieler in Richtung Kabine verabschiedet haben, gibt er Autogramme und posiert für Fotos. Ein BVB-Mitarbeiter kommt und fragt: "Soll ich Sie durch einen Seitenausgang rausbringen?" Favre antwortet, dass er eigentlich das nächste Training vorbereiten müsse, "aber die Leute sind nur wegen uns gekommen. Da kann ich doch nicht weggehen!"