Es ist Punkt 9.30 Uhr. Der vielleicht umstrittenste Mann, der dieser Tage in Italien lebt, schwingt sich von seinem Fahrrad, stellt es an die Hausmauer und führt hinauf in die Wohnung von Mailänder Freunden, die er auf seiner Durchreise bewohnt. Auf dem Balkon serviert er einen Espresso. An einem heruntergekommenen Wohnblock hängt Wäsche. Ums Eck steht das Fußballstadion San Siro. Spaß und Spiel, Absteigen für Migranten und elegante Upperclass-Wohnhäuser liegen hier in diesem Außenquartier der norditalienischen Metropole nebeneinander.

Marcello Foa, der Italo-Schweizer, blickt vom Balkon. Und erzählt, wie er innerhalb von zwei Stunden in den perfekten politischen Sturm geraten ist.

Es war am 26. Juli. Foa kommt zusammen mit seiner Frau in Griechenland an. Relaxen steht auf dem Programm für den Leiter einer Tessiner Unternehmensgruppe, zu der auch die Zeitung Corriere del Ticino gehört. Doch um neun Uhr abends erreicht ihn die SMS eines Beamten aus dem Palazzo Chigi, dem italienischen Regierungssitz in Rom: "Wir haben über die Neuwahl des Rai-Präsidenten gesprochen. Dabei fiel dein Name. Man war begeistert." Foa hat zwei Stunden Zeit, um sich zu entscheiden, ob er für das Amt kandidieren will. Ob er, der heute im Tessin 300 Mitarbeiter führt, oberster Chef des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens mit 13.000 Angestellten in ganz Italien werden möchte.

"Ich hatte keinen Karriereplan, ich war politisch nicht vernetzt und habe kein Parteibuch", sagt Foa. Niemand habe ihn auf dem Radar gehabt. Er bat Freunde um Rat: Man wird dich in Streifen schneiden, warnten sie. Doch Marcello Foa sagte zu. "Eine solche Chance kommt nur einmal im Leben."

Darauf wird er in den Rai-Verwaltungsrat gewählt und am 31. Juli zum Kandidaten für das Präsidium nominiert. Liberale und konservative Journalisten gratulieren ihm, doch von links bricht ein Sturm der Entrüstung los. Foa sei ein Fake-News-Journalist, "anti-Europe, anti-gay, pro-Russian", ätzte der britische Guardian. Die Nachricht geht um die Welt.

Bis zur Abstimmung der Aufsichtskommission der Rai steigert sich der Twitter-Sturm auf 40.000 Meldungen. Und weil sie nicht in die Kandidatenkür einbezogen worden war, verweigerte die Partei Forza Italia von Silvio Berlusconi dem Tessiner ihre Unterstützung. Gemeinsam mit der Linken verhinderte sie Foas Wahl. Vorerst zumindest.

Die Aufsichtskommission verlangt zwar, der Rai-Verwaltungsrat solle neue Kandidaten präsentieren. Doch dieser weigert sich. Und Premierminister Giuseppe Conte und Matteo Salvini, Chef der rechtspopulistischen Lega Nord, halten weiterhin an Foa, an ihrem Kandidaten, fest.

Wie aber kommt es, dass ein Tessiner Medienmanager das politische Italien über Wochen in Aufregung versetzt? Und vor allem: Warum ist dieser Mann derart umstritten?

Der italienisch-schweizerische Doppelbürger kam 1963 in Mailand zu Welt, wuchs im Tessin auf und studierte politische Wissenschaften. Als Werkstudent arbeitete er bei der rechtsfreisinnigen Gazzetta Ticinese und beim Giornale del Popolo, der Tageszeitung des Tessiner Bischofs. 1989 stieß er zur Tageszeitung Il Giornale in Mailand, die damals noch gemäßigt war. Er wurde zuerst Auslandredaktor, dann Reisekorrespondent und leitete ab 1993 die Auslandredaktion. Neben seiner Arbeit als Journalist ist er seit 2004 Lehrbeauftragter an der Fakultät für Kommunikationswissenschaft der Universität Lugano. Aktuell hält er dort eine Vorlesung über Kommunikation und Medien im Bereich der internationalen Beziehungen. 2011 kehrte Foa ganz in die Schweiz zurück und wurde Generaldirektor der heutigen Corriere del Ticino-Gruppe.

Nun also der Aufstieg in die Chefetage der Rai. Premierminister Conte hat einen Neubeginn versprochen beim wichtigsten Medium für die politische Meinungsbildung in Italien und dem größten Betrieb in der dortigen Kulturindustrie. Das Amt des Rai-Präsidenten entspricht jenem eines Generalintendanten in Deutschland. Eine eher institutionelle, symbolische Position. Foa ist überzeugt, dafür der richtige Mann zu sein: "Ich stehe außerhalb des politischen Systems. Ich würde mich einsetzen für Medienfreiheit innerhalb der Rai. Qualität soll entscheiden und nicht Parteibücher oder Seilschaften. Das wäre meine Mission."

Dass Foa für viele ein rotes Tuch ist, liegt an seinem Blog, das er bei Il Giornale schreibt. Die Zeitung gehört heute Silvio Berlusconi und verfolgt einen rechtspopulistischen Kurs. 1137 Blog-Einträge hat Foa bisher verfasst und sich dabei über Barack Obama, Hillary Clinton, Angela Merkel, die Globalisierung und den internationalen Terrorismus ausgelassen. Er prangert die Medienmanipulation an und berichtet über Nachrichten, die seiner Ansicht nach von den, wie er sie nennt, "Mainstream-Medien" verschwiegen werden. Und immer wieder feiert er den Aufstieg der Populisten in den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien. Propaganda und Schlammschlachten, schreibt er, hätten deren Aufstieg nicht aufhalten können. Stattdessen seien die transnationalen Globalisierer "Wahlzettel für Wahlzettel" weggefegt worden: "Die regierenden Eliten haben die Krise ignoriert. Bis sich neue politische Kräfte Bahn gebrochen haben."