Mutterschaft ist kein unumstößliches Naturgesetz mehr.

Als meine älteste Freundin mir vor einigen Jahren in einem Brief mitteilte, dass sie ein Baby bekommt, antwortete ich ihr zwei Wochen nicht. Ich legte den Brief in die unterste Schublade meines Schreibtischs und tat so, als wäre er nicht da. Solange er dort lag, würde alles so bleiben, wie es war, dachte ich.

Heute habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich daran zurückdenke. Meine zweiwöchige Stille wirkt selbstsüchtig. Die Angst vor Veränderung erscheint kindisch. Schließlich weiß doch jeder: Nichts bleibt, wie es war.

Mittlerweile ist das Kind meiner Freundin vier Jahre alt. Es ist ein Mädchen. Sie hat das gleiche glucksende Lachen wie meine Freundin. Die hat mir die zweiwöchige Stille verziehen. Aber unsere Freundschaft ist nicht mehr dieselbe – nicht schlechter, nur anders. Es gibt eben nicht mehr nur sie und mich. Der Horizont ist größer und gleichzeitig unbeweglicher geworden. Sie ist jetzt Mutter. Die neue Rolle scheint ihr zu gefallen. Andere Freundinnen sind ihrem Beispiel seitdem gefolgt. Zwei im vergangenen Monat. Nur die eigenen Zweifel, ob Kinderkriegen der richtige Schritt ist für mich, wollen bisher nicht verschwinden.

Es gibt dieses Lied, Jein von Fettes Brot. Der Refrain geht so: "Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?" Daran muss ich oft denken in letzter Zeit. Ich bin Anfang dreißig, verheiratet, kinderlos. In Deutschland bekommen Frauen ihr erstes Kind im Durchschnitt mit 31 Jahren. Es wäre Zeit.

Ich habe meine älteste Freundin neulich gefragt, woher sie wusste, dass sie ein Kind wollte. Sie sagte: "Du spürst es einfach." Diesen Satz kenne ich. Diesen Satz sagt man auch zu Menschen, die eine neue Wohnung suchen und die nach der zehnten Wohnungsbesichtigung so verwirrt sind, dass sie nicht mehr wissen, was sie ursprünglich wollten.

Wohnungen und Kinder zu vergleichen ist natürlich etwas irre. Aus einer Wohnung kann man im schlimmsten Fall ausziehen. Ein Kind hat man im besten Fall ein Leben lang.

Kinder gehören, anders als eine Wohnung, offiziell und im ideellen Sinn zu einem erfüllten Leben dazu. Kinder sind etwas Wunderbares und Wundersames. Kinder stellen sicher, dass es weitergeht. Sie sind die Antwort auf den Stillstand. Und wahrscheinlich gibt es nichts Größeres im Leben als bei der Entwicklung eines Menschen dabei sein zu dürfen. Trotzdem hätte ich gern einen Vergleich oder die Möglichkeit, das Leben als Mutter anzuprobieren, um besser einschätzen zu können, was mich erwartet und wie viel ich von meinem jetzigen Leben aufgeben muss.

Auch das klingt selbstsüchtig? Vielleicht. Für diesen unbedingten Drang nach Selbsterfüllung ist meine Generation, jene berühmt-berüchtigte Generation Y, bekannt. Zuallererst soll sich das Ich wohlfühlen. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zu den Generationen vor uns und zeigt, wie sehr sich die Mentalität gewandelt hat.

Jahrhundertelang waren Kinder die wichtigste Konstante im Leben einer Frau. Die Fähigkeit, Kinder auf die Welt zu bringen, sicherte ihr einen Platz in der Gesellschaft und definierte zu großen Teilen ihr Dasein. Unsere Mütter und Großmütter hatten in dieser Frage oft keine Wahl. Wir haben sie. Wir dürfen abwägen. Das macht es nicht leichter.

Man kann heute als Frau ein noch so emanzipiertes Leben und eine noch so gleichberechtigte Partnerschaft führen, sobald ein Kind auf die Welt kommt, verschwindet der mühsam etablierte Anspruch auf "Gleiches Recht für alle". Die Realität in heterosexuellen Partnerschaften sieht oft genug so aus: Sie, gut ausgebildet wie nie zuvor, stellt ihr Ich nach der Geburt zugunsten des Kindes zurück, nimmt selbstverständlich Elternzeit, kümmert sich um die Erziehung und den Haushalt und beschließt nach den ersten Jahren, dass der Kampf zwischen den eigenen Ambitionen und ihrer Mutterrolle aussichtslos ist. Sie arbeitet fortan in Teilzeit oder bleibt ganz zu Hause. Er verdient währenddessen das Geld für die junge Familie und ist im Berufsleben weiterhin unverzichtbar.

Er würde ja gerne mehr elterliche und häusliche Pflichten übernehmen, wenn er nur könnte, aber dieses neue Firmenprojekt ist eine Riesenchance, die er nicht verpassen darf. Und wenn sie in dieser neuen Rolle als Mutter und Hausfrau wirklich unglücklich wäre, würde sie doch sicher etwas ändern. Diese leicht überspitzte Realität stützen Zahlen: Neunzig Prozent der Elternzeit entfällt auf Frauen. Fast jeder fünfte Mann verzichtet darauf, aus Angst vor einem Karriereknick. Wenn sich Väter doch entscheiden, zu Hause zu bleiben, dann oft nicht mehr als zwei Monate. 30 Prozent aller Mütter von Kleinkindern unter vier Jahren sind nicht erwerbstätig, über die Hälfte arbeitet in Teilzeit, während bei den Vätern fast 90 Prozent voll erwerbstätig sind. Von einer gleichberechtigten Arbeitsteilung sind die meisten Elternpaare in Beruf und Haushalt immer noch weit entfernt.