Straubing kennt auch der Bayer nur deshalb, weil dort angeblich die schwersten Verbrecher des Landes einsitzen. Im juristischen Sinne ist Straubing deshalb ein Schwergewicht. Es kann aber auch leichter.

Schon wie die Donau breit und doppelt, einmal im weiten Bogen und einmal schnurgerade als Kanal, an der Stadt vorbeifließt, ist ziemlich lässig. Man riecht die Ferne und mit jedem Frachter die Weite. Bleibt man im Bild, kann man sagen: In Straubing ist man so entspannt wie auf einem Ausflugsdampfer, der gar nicht zu wissen scheint, was er alles zu bieten hat.

Schon wenn man am Bahnhof ankommt und in den Bahnhofskiosk gerät, glaubt man, in Straubing lebten nur Leute mit echten Interessen. Für Kunst, für Literatur, Sport und Fischen, Internationales und für weiß der Teufel was man sich noch interessieren kann. Wenn Sie hier gründeln, finden Sie Perlen.

Und so geht das immerzu weiter. Zwar wird um den Stadtkern herum nicht so viel Wert auf Schönheit gelegt, aber wenn Sie die sieben Minuten bis zum Stadttor hinauf geschafft haben, stehen Sie vor der etwa einen Kilometer langen Mitte, die der Ludwigsplatz und der Theresienplatz bilden (benannt nach Herzog Ludwig I. und seiner Gemahlin); und von hier aus betrachtet ist die Stadt ein wahres Schmuckstück. Während man anderswo denkt, all die Rokoko- und Barock- und Renaissance-Fassaden stünden regelrecht Spalier für einen, scheint es hier, als wollten sie sich ein wenig verstecken in ihrem verblichenen Rosarot und Zartgelb und Hellblau, Grün und Grau und Cremeweiß, hinter ihrer Patina halt. Die Häuser bezaubern einen so, dass man sie auf seine Modelleisenbahnanlage setzen wollte, hätte man eine zu Hause.

Aber eigentlich täuscht das. Hinter all den Fassaden verstecken sich nämlich schlaue Händler in den großen, alten Speichern der Stadt, und sie wollen Ihnen genau das Gleiche verkaufen wie in allen anderen Fußgängerzonen dieser Republik. Nordsee die Fischsemmel, H&M ein T-Shirt und der Drogeriemarkt Zeug, das Sie schöner macht.

Besser, Sie heben Ihr Geld noch auf – vor allem, wenn Sie freitags oder samstags hier sind. Dann tummeln sich nämlich rund um den Stadtturm zwei Dutzend Markthändler, die möglicherweise noch nie von Slow Food gehört haben, aber durchaus kapieren, was Regionalität für das Essen bedeutet. Der Donaufischer verkauft einen Schwarm von Flussfischen, ein kleiner niederbayerischer Betrieb Stücke Fleisch von eigenen, frei weidenden Charolais-Rindern, die etwas verzauselten Gärtner das wildeste und wohlschmeckendste Potpourri von Biogemüse. Der Gastroitaliener unter dem Glockenturm schaut mit seiner Stammkundschaft bei einem Glas Weißwein entspannt zu. Klar können Sie sich dazugesellen, aber Sie können auch eine Runde drehen. Sie werden Ihren Lieblingsplatz bestimmt finden.

Straubing mangelt es an nichts. Nur sagt Ihnen das niemand. Zwar finden Sie in Kunstführern die ganzen Schätze dieser alten Handelsstadt aufgeführt, aber wenn Sie in ihr herumlaufen, gibt es nirgendwo einen Hinweis, dass es zum Beispiel direkt hinterm Stadtturm in die St.-Jakobs-Gasse hineingeht, wo sich die gleichnamige gotische Hallenbasilika befindet. Sie müssen nicht einmal darin beten, um zu spüren, wie hier alles leuchtet! Der spätgotische Hochaltar stammt von Dürers Lehrer Wolgemut, und das bei jedem Wetter in Komplementärfarben strahlende Moses-Fenstergemälde geht auf einen Entwurf von Dürer selbst zurück.

Wenn Sie sich der Anmut und Beschaulichkeit dieser Stadtmitte überlassen haben, wird von Ihren zwei Stunden kaum noch etwas übrig sein. Vielleicht mögen Sie noch ein Kreuz schlagen.

Auf diese schöne Selbstvergessenheit, die Ihnen hier begegnet ist.