Es ist Sonntagnachmittag, der Himmel ist blau, der Asphalt heiß. Das Leben presst sich wie eine zähe Flüssigkeit an den Häusern vorbei, über die Kreuzungen, Badewiesen, aus Hauseingängen raus und wieder zurück. Das Eis tropft, ein Ball rollt auf die Straße, jemand versucht, sein Kind daran zu hindern hinterherzurennen. Die Körper auf den Straßen sind intakt, ihre Köpfe denken an alles Mögliche. (Helfen Globuli gegen Schlafstörungen?; Scheiße, die Steuererklärung; Wie hieß noch mal der Laden, wo es diesen fantastischen Gazpacho zum Mitnehmen gibt?)

Um über solche Dinge nachzudenken, braucht man einen intakten Körper. Aber dann knallt es irgendwo (ist jemand beim Rennen ausgerutscht und auf den Arm gefallen, hat jemand ein Engegefühl in der Brust), und irgendein Körper ist nicht mehr intakt und muss in die Notaufnahme, am Wochenende muss man immer in die Notaufnahme.

Dort gibt es ein rechteckiges Zimmer, in dem in wechselnder Besetzung etwa zehn Menschen warten. In diesem gelb gestrichenen Zimmer sitzt, wer nicht in Lebensgefahr ist. Schlimmere Fälle werden sofort versorgt. Die Jalousien sind unten, es gibt vier große orangefarbene Bänke, acht kleine, einen Kaffeeautomaten, Neonlicht, Mülleimer, nichts zu lesen, die Klimaanlage läuft. Die auf unbestimmte Zeit zueinander gezwungenen Menschen in dieser Welt neben der Welt dürfen nicht auch noch umkippen. Sonst gibt es noch mehr Notfälle, wenngleich sich hier natürlich jeder schon jetzt für einen Notfall hält. Eine ältere Frau sitzt da, umklammert einen dreckigen Rucksack und stöhnt in regelmäßigen Abständen.

Jedem, der neu hinzukommt, teilt sie mit, dass sie schon seit fünf Stunden warte und dass sie jede Woche hier sei. Nierensteine. Gegenüber guckt ein Teenager auf sein Handy, das linke Auge ist blau und angeschwollen, an seiner Wange klebt etwas Blut. Seine Mutter holt ihm Schokoriegel und Cola light aus dem Automaten, als sie sich wieder neben ihn auf die Bank fallen lässt, zischt sie ihm zu, dass sie wirklich nie was gegen Ausländer gehabt habe, aber das sei nun wirklich das Letzte. Die alte Frau steht auf, setzt ihren Rucksack auf, schlurft zur Tür, betätigt den Türöffner, geht zur Anmeldung, wird zurückgeschickt, teilt dem gelb gestrichenen Zimmer noch einmal mit, dass sie schon seit über fünf Stunden warte. Sie bleibt neben einer schwarz gekleideten Japanerin stehen, die ein Manga-Tattoo auf ihrem Oberarm hat. Die Manga-Frau weint leise mit geschlossenen Augen, die alte Frau will mit der Manga-Frau über ihre Nierensteine reden und darüber, dass ihr Urin kürzlich lila war. Ein Mann neben der Manga-Frau, der sich entweder vor Schmerzen krümmt oder die Wand anstarrt, verdreht die Augen. Dann bewegt sich die Tür, alle sehen auf und hoffen, dass es die Krankenschwester ist.

Sie ist es. Kurze Haare, praktische Ohrringe. Sie ist klein, macht entschlossene Schritte, sie heftet ihren Blick auf ein Blatt Papier, das sie vor sich herträgt (nicht in die Gesichter gucken, die wollen sie sofort gefangen nehmen). Das Stöhnen im Raum wird kurz lauter, alle geben ihr das Leid, das sie haben. Damit die Schmerzen aufhören, damit sie schnell wieder repariert werden, um endlich die Steuererklärung fertig machen zu können. Oder sie wollen, dass sich jemand um sie kümmert, weil sich sonst keiner um sie kümmert, und vielleicht wollen manche auch nur, dass man ihnen bestätigt, dass ihr Körper intakt ist, obwohl sie selbst das für vollkommen unmöglich halten. Der Raum ist voller Wollen, und die Aufmerksamkeit der Krankenschwester ist der Weg zum Ziel.

Deswegen werden die Menschen in dem gelben Zimmer sofort Feinde, wenn sie reinkommt. Aber die Krankenschwester spricht mit allen gleich, laut und überdeutlich, am Ende eines jeden Satzes in leicht ansteigender Intonation. So als rede sie mit einem Kind oder einem Schwerhörigen. Denn diese Menschen, sie wollen einfach nicht verstehen, dass der Asphalt auch ohne sie heiß bleibt.