Sie wohnt im zweiten Stock auf der linken Seite.

Da bist du ja, sagt sie, als hätten wir uns Jahrzehnte nicht gesehen. Wir haben uns noch nie gesehen. Drinnen ist alles grün. Der Teppich ist grün. Alle Wände sind grün. Die Decken sind grün. Die Bettwäsche ist grün. Ihr Kleid ist grün. Ihre Haare sind rot.

Überall liegen Bücher, Briefe, Karten. Es ist so unordentlich wie das Zimmer eines Studenten kurz vor der Abgabe der Diplomarbeit und so sauber wie in einer Zahnarztpraxis.

Sie fragt: Möchtest du Traubensaft?

Sie fragt: Wollen wir uns da niederlassen?

Sie zeigt auf ein Bett.

An den Wänden hängt sie dutzendfach, mal allein, mal mit anderen. Gemalt, auf Fotos. Jung, etwas älter, alt.

Wenn man Peggy Parnass trifft, in ihrer grünen Wohnung, fühlt man sich, als würde man in einem Teich tauchen, und die Bilder glotzen einen an wie bunte Fische.

Peggy: Wie lang hast du Zeit?

Drei Stunden.

Peggy: Das ist ja gar nichts.

Man müsste sie eigentlich Frau Parnass nennen und "Sie" sagen. Aber das geht nicht. Sie hat schon beim ersten Telefonat gefragt: Wie heißt du? Nenn mich ruhig Peggy. Gib mir jetzt mal all deine Nummern.

Man gibt ihr alle Nummern. Sie ruft vor dem vereinbarten Termin beinah jeden Tag an, und als der Termin platzt, sie hat daran keine Schuld, und man ein paar Tage lang nicht ans Telefon geht, ruft sie irgendwann in der Chefredaktion an. Wo man denn sei und ob man nicht mal zurückrufen könne.

Peggy schrieb 17 Jahre lang Gerichtsreportagen für die linke Zeitschrift Konkret. Sie hat am Telefon gesagt, dass sie gern über diese Zeit spricht: Aber besorg dir mein Buch. Prozesse ist eine Sammlung ihrer Geschichten. Sie schreibt darin über 81 der 500 Verfahren, die sie miterlebt hat, sie war bei dem Prozess gegen den vierfachen Frauenmörder Fritz Honka, sie war beim Majdanek-Prozess in Düsseldorf, in dem 17 KZ-Wachleute vor Gericht standen, sie berichtete vom Verfahren gegen René Durand, der die Reeperbahn zur Reeperbahn machte, als er im Salambo Live-Sex auf die Bühne brachte.

Wenn man ihre Reportagen aus den Siebziger-und Achtzigerjahren liest, bekommt man irgendwann das Gefühl, als hätte Peggy wie ein Arzt alle Krankheitssymptome der bundesdeutschen Gesellschaft studiert. Sie maß Fieber, sie schaute sich Fleischwunden an, sie stellte schreckliche Diagnosen.

Wollen wir über die Liebe sprechen?

Peggy: Oh ja.

Es geht viel um die Liebe in den Prozessen, die sich Peggy ansah. Männer, die Frauen erschießen und es mit Liebe erklären, Frauen, die Auftragsmörder auf ihre Männer ansetzen und sagen, dass sie keine andere Wahl hatten.

Sie sagt, so sei der Mensch. Liebe und Hass seien intim verwandt. Beide würden den Menschen den Verstand rauben.

Sie sagt, Liebe treibe doch irgendwie jeden in den Wahnsinn, oder?

Kennst du das? Bist du auch so? Ja? Darüber freu ich mich.

Einmal war sie bei einem Prozess, ein Heiratsschwindler war angeklagt. Im Publikum saßen acht Frauen, die alle von diesem Mann reingelegt und ausgeplündert worden waren. Sie sagt: Und dann sitzen die acht Weiber da und wenn er einer, egal welcher, zulächelt, denkt die sofort: Ach, mich hat er wirklich geliebt.

Sie selbst habe immer jüngere Liebhaber gehabt, keiner sei auch nur eine Stunde älter gewesen als sie. Sie nennt sie die Jünglinge. Sie sagt, sie habe unter der Liebe immer sehr gelitten.

Kaum habe ein Mann sie nur kurz losgelassen, habe sie gedacht, er komme nie wieder.

"Wenn der Mann mit mir nicht zusammen atmet, soll er lieber aufhören zu atmen", schrieb Peggy mal in einem Buch. Einmal habe einer der Jünglinge großes Glück gehabt: Sie habe im Streit in die Besteckschublade gegriffen. Aber sie fand nur einen Löffel und kein Messer. Sie sagt: Es ist Zufall, dass ich nicht zur Mörderin geworden bin.

Peggy: Ich war schon als Kind so voller Hass.

Wenn man Peggy trifft und auf ihrem Bett neben ihr halb liegt, halb sitzt, schaut nicht nur sie einem von den Wänden aus zu, sondern auch ihr Leben. Ihr Sohn, dessen Geburt schon viele Jahrzehnte her ist, Ulrike Meinhof, der Schriftsteller Peter Weiss, der Filmemacher Georg Stefan Troller. Als Erstes aber sieht man ihre Mutter. An der Wand hängen viele Bilder von ihr. Eines zeigt sie und ihren Mann, er liest Zeitung, sie sieht ihm dabei zu.

Peggy sagt, das war eine Liebe, Wahnsinn. Ihr Vater war Spieler, ein Zocker, einer, von dem man, wenn der das Haus verließ, nie wusste, wann er wiederkommt. Die Mutter sei ganz weich gewesen, sie wartete und weinte. Und wenn sie die Klingel seines Fahrrads hörte, war alles wieder in Ordnung, sie umarmten sich mit dem ganzen Körper und küssten sich.

Peggy sagt: Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann dass sie so gestorben sind, eng umschlungen.

Peggy wohnt in Hamburg, fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Dort sah Peggy ihre Mutter zum letzten Mal, sie brachte sie und ihren Bruder zum Kindertransport nach Schweden. Das war 1939.

Peggys Eltern waren Juden. Beide wurden ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet. 100 Mitglieder aus Peggys Verwandtschaft starben im Holocaust. Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, alle Großeltern.