Viele wollen einfach nur wandern auf den Spuren von Hape Kerkeling, der 2006 mit seinem Bestseller Ich bin dann mal weg das Pilgern auf dem Jakobsweg zu einem Lifestyle-Phänomen machte. Andere drängen die immerwährenden Sinnfragen zum Aufbruch – nach einer Trennung, einer überstandenen Krankheit oder vor einer schwierigen beruflichen Entscheidung.

Was immer das Motiv ist: Pilgern ist kein Sonntagsspaziergang. Von Limburg nach Santiago de Compostela sind es immerhin 2100 Kilometer, die reißt man nicht eben mal so runter. Wer sich entschließt, eine solche räumliche und zeitliche Auszeit zu nehmen, kommt um die Frage nicht herum: Schaffe ich das kräftemäßig? Bin ich überdies seelisch vorbereitet auf das, was auf mich zukommt?

Die Hessische St. Jakobusgesellschaft ist ein Verein mit knapp unter 100 Mitgliedern, der seit 2014 das eintägige "Schnupperpilgern vor der Haustür" anbietet.

Pilgerführer Karl-Heinz Kohn, 59 Jahre alt, IT-Leiter in einer Bank, beschreibt sich als leidenschaftlicher Katholik. Und als solcher muss er keine Statistik zitieren, er hat es in Gesprächen mit Pilgerwilligen selbst erfahren: Lediglich 10 bis 15 Prozent der Pilger würden noch von religiösen Motiven geleitet, die Esoteriker brächten es auf die gleiche Zahl, sagt er. Alle anderen sind Erlebnis-Wanderer. Kohn setzt die Offerte, auf dem Jakobsweg oder Elisabethpfad im Rhein-Main-Gebiet bei einer Strecke über 20 Kilometer seine Kondition zu testen und spirituellen Impulsen zu begegnen, niederschwellig an: "Keiner weiß mehr, wie Pilgern richtig geht, jeder weiß nur, dass es irgendwie hip ist. Dennoch hat sich bei einigen noch eine Stimulierbarkeit für Glaubensfragen aus der Kindheit erhalten, auch wenn sie sich der Kirche entfremdet haben."

Erstaunlich, dass längst auch Protestanten das Pilgern für sich entdeckt haben. Luther wetterte gegen diese erzkatholische Gepflogenheit. Die Jakobusgesellschaft fragt nicht nach der Konfession. Wichtiger ist, dass die Pilgergruppe nie größer sein sollte als 20 Teilnehmer, damit Raum für Reflexion des geistlichen Mottos bleibt, das jeder Wanderung vorangestellt wird. Wer sich nach dem Schnuppertag bereit fühlt, größere Herausfordungen anzunehmen, für den haben die Hessen alle Infos, wie man es nach Santiago de Compostela schafft. Für ältere Menschen ist der Tag dagegen die Gelegenheit, auch auf kurzen Wegen einen Vorgeschmack auf die Pilgerspiritualität zu bekommen.

Kohn nennt die Aktion auch "Wandern plus". Das "Plus" ist die Möglichkeit, gemeinsam zu reflektieren und spirituelle Bedürfnisse anzusprechen. Viele Vorurteile über die Kirche gerieten dabei ins Wanken, sagt Karl-Heinz Kohn. Der IT-Mann will vermitteln, was er selbst erlebte: "Wenn der Körper in Bewegung ist, dann ist auch der Geist in Bewegung und hat die Chance, frei zu werden", sagt er. "Dann läuft man nicht mehr, dann 'geht es'."

Haben Sie von einer ungewöhnlichen Idee in Ihrer Gemeinde gehört? Bitte schreiben Sie an redaktion@christundwelt.de.