Wir ahnten nichts. Im August 1968 reisten meine Eltern mit mir auf Einladung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes nach Prag. Für mich, gerade zwanzig geworden, sollte es der erste Aufenthalt in dem Land werden, zu dem unsere Familie eine besondere Beziehung hatte, das gleichsam ein Stück Heimat war und Vertrautheit ausströmte, wenn meine Mutter von ihm erzählte.

Im Juni 1910 in Pilsen geboren, hatte sie dort ihre ersten Lebensjahre verbracht. Als ihre Eltern kurz nacheinander starben, die Mutter Weihnachten 1915 im Alter von nur 33 Jahren, der Vater mit 49 im Mai 1916 – "an gebrochenem Herzen", wie meine Mutter nie zu betonen versäumte –, kam sie zusammen mit ihrem älteren Bruder Paul zu den deutschen Großeltern nach Köln. Zum geflügelten Wort in der neuen Familie wurde der Spruch über ihre Deutschkenntnisse: "Sie kann es wohl, sie will es nicht."

In den Erzählungen meiner Mutter nahm der kleine Ort Malovice bei Pilsen einen besonderen Platz ein. Hier, in diesem ländlich gelegenen Flecken, wohnte die Familie den Sommer über im Bahnhof. Ihr Vater war Oberkommissär der kaiserlich-königlichen Staatsbahnen. Die Schilderungen der böhmischen Landschaft und ihrer Wälder erschienen uns Kindern, die wir in den Trümmern Kölns aufgewachsen waren, wie ein unerreichbares Idyll aus der Vergangenheit. Meine Mutter jedenfalls empfand diesen Ort als paradiesisch. Mit dem Abendzug, so hielt eine ihrer Anekdoten fest, brachte der Lokomotivführer meinem Großvater einen Krug frischen Biers aus Pilsen mit. Sie erzählte oft von den Kräutern und Pilzen, die ihre Großmutter im Wald sammelte, auch von dem kleinen Raben, der aus dem Nest gefallen war, den sie großzog und später freiließ.

Meine Eltern reisten 1968 nicht zum ersten Mal in die "alte Heimat" meiner Mutter. Bereits einige Jahre zuvor hatten sie – ebenfalls auf Einladung des Schriftstellerverbandes – die Tschechoslowakei besucht. Auf der Rückreise nach Deutschland schleusten meine Eltern gemeinsam mit meinem Bruder Raimund die tschechische Pianistin Jaroslava Mandlová illegal in unserem Citroën über die Grenze.

Der Aktion war viel Kopfzerbrechen vorausgegangen, wie das am besten klappen könnte. Meine Eltern entschieden sich dann auf den Rat des befreundeten Zauberkünstlers Alexander Adrion hin und mithilfe des Grafikers Reinhold Meier für den Umbau unseres Autos. Der Wagen wurde so eingerichtet, dass hinter dem Rücksitz ein Hohlraum entstand, in dem sich Jaroslava Mandlová verstecken konnte. Meine Eltern waren – wie so oft – bereit, ein hohes Risiko einzugehen. Was ein Auffliegen der Aktion an diplomatischen Schwierigkeiten hätte bedeuten können – die beiden haben sich das nie wirklich vor Augen geführt.

Der Coup gelang. In Köln wurde Frau Mandlová von ihrem Mann erwartet, der sich kurz zuvor hatte absetzen können und zeitweise bei uns wohnte. Mein Vater war zu dieser Zeit in der Tschechoslowakei schon bekannt und geschätzt, in den Fünfzigerjahren hatte man erste Texte übersetzt. Mandlová und meine Eltern hielten die Geschichte geheim, auch die Behörden in Prag hatten offenbar nichts mitbekommen – und so konnten wir 1968 reisen.

Am Abend des 20. August trafen wir in Prag ein. Der Schriftstellerverband hatte uns Zimmer im Interhotel Alcron reserviert. Es lag nur wenige Meter vom Wenzelsplatz entfernt.

Zeitzeugen: Vater und Sohn Böll am Prager Wenzelsplatz Ende August 1968 © Hilmar Pabel/bpk

Es war die Nacht, in der die Panzer rollten. Am Morgen, wir waren kaum wach, erfasste Unruhe das Hotel. Ich hörte, wie jemand an unsere Tür klopfte und rief: "Wir sind besetzt!", höre es noch, als wäre es heute. Wir rätselten über den Sinn dieser Worte. Wir dachten zunächst, die Personen, die uns empfangen wollten, hätten keine Zeit. Wir rissen die Zimmertür auf und erfuhren, was geschehen war. Truppen einiger "Bruderländer" hatten auf Weisung aus Moskau die Tschechoslowakei besetzt, um das Experiment eines demokratischen Sozialismus, um den "Prager Frühling" unter dem charismatischen Parteichef Alexander Dubček brutal niederzuwalzen. Wir hatten zwar das Brummen der Flugzeuge in der Nacht gehört, aber uns nichts dabei gedacht.

Der Prager Frühling war für viele eine Verheißung gewesen. Über Dubčeks Reformen wurde – auch im Westen – heiß diskutiert. Viele linke Demokraten und Liberale machten sich große Hoffnungen; einige kommunistische Splittergruppen indes verurteilten den Reformversuch.

Nun aber war der große Aufbruch ganz offenbar gescheitert und vorbei. Der Anlass unserer Einladung nach Prag – die Entwicklung eines, wie es hieß, "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu analysieren und vor allem auch die Rolle der Literatur zu befragen und zu diskutieren – hatte sich über Nacht erledigt. Einige der eingeladenen heimischen Autoren, die im Jahr zuvor noch auf dem IV. Schriftstellerkongress gesprochen und ihre Kritik vehement artikuliert hatten, tauchten gleich unter und blieben unerreichbar. Dubček wurde verhaftet und nach Moskau verschleppt.