DIE ZEIT: Herr Noak, Sie stammen aus Guben in Brandenburg, aber Sie haben uns einen Brief aus London geschickt, wo Sie inzwischen leben ...

Max Noak: Ich mache eine Ausbildung zum Psychoanalytiker! London ist eine großartige Stadt.

ZEIT: Sie haben uns geschrieben, dass es einen Fluch des Ostens gebe, der Sie offenbar bis nach London verfolgt. Da sind wir hellhörig geworden.

Noak: Ja, einen Fluch, den gibt es wirklich. Als ich Ihnen schrieb, hatten Sie gerade mehrere Texte junger Leute veröffentlicht, die ungefähr so alt sind wie ich – Ende zwanzig. Und die ihre neue Zuneigung zu Ostdeutschland entdeckten. Recht gnädig schauten sie auf all das, was im Osten passiert. Mich hat das richtig geärgert.

ZEIT: Was hat Sie so gestört?

Noak: Es befremdet mich, zu lesen, welche ostdeutschen Eigenheiten inzwischen gelobt werden. Ein junger Mann schrieb, dass er sich über den weit verbreiteten Atheismus in Ostdeutschland freue. Was gibt es denn da zu loben? Als ob es etwas Gutes wäre, dass einem ganzen Landstrich die Religion ausgetrieben wurde! Mir kommt es so vor, als solle mit einer konstruierten ostdeutschen Identität alles Mögliche entschuldigt werden. Wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie ich groß geworden bin, komme ich zu anderen Schlüssen. Ich schaue mit einem gewissen Maß an Bitterkeit zurück, und ich schaue mit Fassungslosigkeit auf das, was gerade in Ostdeutschland passiert.

ZEIT: Wann genau sind Sie geboren?

Noak: 1989, in Guben.

ZEIT: Was haben Sie in Ihrer Kindheit erlebt?

Noak: Ich kann nicht von einer einzelnen traumatischen Erfahrung berichten, aber von einem Grundgefühl. Die Atmosphäre in den Kindergärten und Schulen hatte etwas Muffiges, Eingeschränktes. Die Gebäude atmeten noch Sozialismus, da hingen diese komischen Wandkunstwerke, da stand dieses Mobiliar, das überall gleich aussah. Eigentlich war die Mauer gefallen, aber gewissermaßen existierte die DDR doch weiter. Was fehlte, war ein Gefühl der Weite. Dass man frei reden und individuell sein kann. Es wurde einem ja regelrecht ausgetrieben, individuell zu sein.

ZEIT: Und das haben Sie damals schon so empfunden, als kleiner Junge?

Noak: So konkret nicht. Aber ich weiß ziemlich genau, dass ich schon als Kind gedacht habe: Ich muss hier weg! Ich hatte auch das Gefühl, dass mir meine Umgebung den Eindruck vermitteln wollte: Aus Guben geht man fort.

ZEIT: Hatte das nicht vor allem etwas mit den fehlenden Arbeitsplätzen zu tun?

Noak: Auch, aber nicht nur. Mein Vater ist Schweißer von Beruf, der fand in Brandenburg keine Arbeit, sondern war als Monteur ständig unterwegs, viel im Westen, auch im Ausland. Ich nahm es schon als Defizit meiner Heimat wahr, dass sie meinem Vater kein Auskommen geben konnte, dass er immer weg war. Aber dafür konnte die Stadt ja nichts. Viel trauriger und viel gravierender finde ich etwas anderes.

ZEIT: Nämlich?

Noak: Guben war ganz früher – lange vor meiner Zeit, vor der DDR – sehr lebendig, lebte von Hutindustrie und Obstanbau. Aber heute empfinde ich es dort als deprimierend. Das liegt daran, dass mit dem Krieg, der DDR und ihrem Untergang zu viel kaputt gegangen ist. Was früher Sozialismus war, schmolz nach 1989 weg. Sonst gab es aber auch nicht mehr viel. Am schmerzhaftesten fehlt heute so etwas wie kulturelle Vielfalt, es fehlen Stiftungen, Gewerkschaften, starke Kirchengemeinden. Wenn ich mir überlege, was hätte ich als Jugendlicher tun sollen? Sport machen und Bier trinken. Dass inzwischen die politische Wut so groß ist, liegt auch daran, dass viele Menschen nichts haben, das ihnen Halt gibt.

ZEIT: Sie sind ziemlich hart zu Ihrer Heimat.

Noak: Ich weiß, und ich bin bestimmt nicht immer fair. Meine Härte hat etwas damit zu tun, dass ich den ostdeutschen Stolz merkwürdig finde, der neuerdings hin und wieder aufkommt und den ich nicht verstehen kann. Auch das Anti-Westliche ärgert mich, das manchmal so durchklingt, und eben das Anti-Religiöse. Was wären wir im Osten denn ohne den Westen? Ohne die Kirche? Die Schönheit von Musik und Kultur, von Diskussionen und politischer Offenheit – die habe ich selber erst in der Kirche erlebt, zu der ich als Jugendlicher gefunden habe. Und dann eben im Westen.

ZEIT: Ihre Familie ist nicht gläubig gewesen?

Noak: Nein. Mein Großvater war SED-Parteisekretär und ist in den Fünfzigerjahren aus der Kirche ausgetreten, hat sich den Glauben gewissermaßen austreiben lassen. Auch ich hatte mit der Kirche nichts zu tun. Aber als ich 13 war, organisierte die Kirchengemeinde in meiner Stadt ein Theaterprojekt, ich schaute mir das an. Die Leute dort waren engagiert, mit denen konnte man diskutieren, auch über Gott, und so ist bei mir ein Glauben wach geworden.

ZEIT: Wie ging es danach für Sie weiter?

Noak: Nach dem Abitur landete ich über ein paar Umwege in Heidelberg, studierte Theologie. Dort wurde mir so richtig klar, was mir in Guben unterbewusst gefehlt hatte. Es gibt unzählige Vereine, Bürger setzen ihren persönlichen Wohlstand dafür ein, etwas für ihren Ort zu tun. Auf dem Kirchentag sah ich mal Pfadfinder und dachte: Boah, ich wäre gerne Pfadfinder gewesen! Gab es in Guben auch nicht. Später ging ich nach Cambridge in Großbritannien. Es haben sich ziemlich viele meiner Träume erfüllt.