Ob Ronan Farrow die Welt retten wird, ist momentan noch nicht abzuschätzen. Vielleicht erst einmal Amerika? Völlig abwegig scheint dieser Gedanke jedenfalls nicht, denn es handelt sich bei ihm um den gerade wohl außergewöhnlichsten Dreißigjährigen der westlichen Hemisphäre; sein bisheriges Leben ist längst hollywoodreif. Erst recht seit dem Herbst 2017, als nach einjähriger Recherche Farrows Artikel im New Yorker über Harvey Weinstein erschien, diesen zu Fall brachte und #MeToo befeuerte; im Frühjahr bekam er dafür den Pulitzerpreis. Sein aktueller New Yorker-Text hat jetzt auch den Chef des Fernsehsenders CBS Leslie Moonves wegen sexueller Belästigung und Machtmissbrauchs im Visier. Der junge Robert Redford wäre also die Idealbesetzung; aber die Eltern hätten vielleicht auch Vorschläge. 1987 geboren als Sohn der Schauspielerin Mia Farrow und des Regisseurs Woody Allen, aufgewachsen mit 15 Stief- und Adoptivgeschwistern, erlebte der Fünfjährige das Scheidungsdrama seiner Eltern, später die Belästigungsvorwürfe seiner Schwester Dylan gegen den Vater. Er ergreift bis heute Partei für sie und hat die 1997 geschlossene Ehe Woody Allens mit dessen Adoptivtochter Soon-Yi als "moralische Grenzüberschreitung" bezeichnet; zu seinem Vater hat er keinen Kontakt. Mutter Mia wiederum sorgte für Spekulationen, als sie 2013 erklärte, auch Frank Sinatra – Mia Farrows Ehemann von 1966 bis 1968 – könne womöglich Ronans Vater sein. Nun ja, da sind diese unfassbar blauen Augen ...

Tumult genug für einen Heranwachsenden, der allerdings auch noch hochbegabt ist. Mit elf geht Ronan Farrow aufs renommierte Bard College, nachdem er mehrere Klassen übersprungen hat, mit 16 ist er in Yale, studiert an der dortigen Law School Jura, mit 17 wird er Praktikant bei dem berühmt-berüchtigten Diplomaten Richard Holbrooke im State Department. Später wird er dann Sonderbeauftragter von Außenministerin Hillary Clinton, bevor er in den Journalismus zurückkehrt; eine eigene Talkshow gehörte auch dazu.

Nun könnte man meinen, selbst ein Hochbegabter sei mit aufwendigen Weinstein- und anderen Recherchen ausgelastet. Doch das ist ein Irrtum: Man kann jetzt Ronan Farrows Fähigkeiten auf einem ganz anderen Feld erleben, auf dem er sich allerdings bestens auskennt. Sein Buch Das Ende der Diplomatie schildert die Misere der amerikanischen Außenpolitik seit dem 11. September 2001. Er hat mit zweihundert Akteuren, von Kissinger über Powell bis Clinton, gesprochen, Akten ausgewertet und natürlich eigene Erlebnisse aus allernächster Nähe verarbeitet. Herausgekommen ist eine spannende, sehr amerikanische Mischung, die wir von Reporterlegenden wie Seymour Hersh und Bob Woodward kennen (dessen Buch Furcht. Trump im Weißen Haus im Oktober erscheint): Es gibt viele Szenen und O-Töne der Akteure, mächtige Chefs wie unbekannte Hintermänner, in den Büros wird nicht selten gebrüllt, in Restaurants werden Deals abgeschlossen, Jeeps fahren durch afghanischen Wüstensand, Flugzeuge landen an geheimen Orten, der junge Diplomat Ronan erstellt Datenbanken und tippt nachts Memos – und der brillante Reporter Ronan schildert seine Begegnungen mit Warlords und Generälen. Passagenweise liest sich das wie ein packender Thriller, doch Ronan Farrow treibt eine analytische Mission: die Erzählung vom Niedergang der amerikanischen Diplomatie und ihrer einst so stolzen Tradition.

Und der setzte nicht etwa erst mit Donald Trump ein. Zwar bilden die aktuellen Zustände so etwas wie einen Rahmen: Farrow beginnt mit dem Zerfall des State Departements nach Trumps Wahlsieg und endet mit dem recht ahnungslosen, mittlerweile entlassenen Außenminister Rex Tillerson. Doch der historische Prozess entwickelte sich viel früher: Nach 9/11 begann der Aufstieg von Militär und Geheimdienst in Washington. Die Konkurrenz zwischen Pentagon, Langley und State Departement gab es schon immer. Doch unter George W. Bush wurden Generäle und Geheimdienstler immer einflussreicher; ein Prozess, der sich unter Barack Obama fortsetzte – bis schließlich 2018, wie Farrow feststellt, Diplomaten nicht mehr nur die Verlierer beispielsweise in der Afghanistanpolitik waren: "Sie waren gar nicht mehr an ihr beteiligt." Mit fatalen Folgen: Langfristige strategische Allianzen und Kompromisse zwischen erbitterten Feinden (Camp David 1979 für Israel und Ägypten oder Dayton 1995 für Bosnien) wurden immer schwieriger zu erreichen, stattdessen wurden Stellvertreterkriege von unsicheren Kantonisten zur üblichen chaotischen Methode des Weißen Hauses.

Farrow ist in diesem Drama parteiisch. Dieses Buch ist nicht zuletzt eine Hommage an seinen Mentor Richard Holbrooke, diplomatisches Urgestein, 1993 auch Botschafter in Deutschland und für Farrow der "seltene Fall eines Arschlochs, das Respekt verdient". Der immer noch ehrgeizige Architekt von Dayton will unter Hillary Clinton den Afghanistan-Konflikt diplomatisch lösen, Vietnam- und Balkan-Krieg im Kopf. Doch der daueragile Dominante scheitert, vom jungen Farrow ganz nah beobachtet: an sich und den Washingtoner Verhältnissen. Bewegend schildert Farrow Hoolbrookes Infarkt 2010 in Hillarys Büro und den Barbesuch mit dem Team und der Außenministerin am Abend unmittelbar nach dessen Tod. Für den Millennial Farrow ist hier die alte, stolze amerikanische Diplomatie gestorben.

Zwei Problemkreise rekonstruiert Farrow besonders minutiös. Da wäre das jahrzehntelange Drama der amerikanischen Politik in Pakistan, dem engsten und zugleich fragilsten Verbündeten seit dem russischen Einmarsch in Afghanistan, dessen mächtiger Geheimdienst ein notorisches Doppelspiel treibt und seit den 1990er Jahren die Islamisten genauso unterstützt wie den amerikanischen Bündnispartner. Für deutsche Leser ist die anschaulich präsentierte Logik einer Weltmacht, die verdammt ist zur zähneknirschenden Partnerschaft mit diesem korrupten, Atomwaffen besitzenden Staat, enorm erhellend. Farrow, der häufig in diplomatischer Mission im Land war, schildert die Fallstricke, Täuschungsmanöver, all die schillernden Figuren und Konflikte, bis hin zum Ende Osama bin Ladens unter den Schüssen eines amerikanischen Kommandos in Pakistan 2011. Vom einstigen pakistanischen Geheimdienstchef bekommt er eine lässige Mail während seiner Recherchen; dessen Ex-CIA-Kollegen Leon Panetta und Michael Hayden ("Verbündete aus der Hölle" nennt er die Pakistaner) sind aber weitaus auskunftsfreudiger. Einfache Gut-und-Böse-Antworten gibt es für eine Weltmacht nicht, das führt uns Farrow scharfsinnig und voller Anekdoten vor. Präsident Obama wird selten erwähnt, insgesamt kommt er im Unterschied zu Farrows Ex-Chefin Clinton nicht gut weg.

In eine ähnliche Richtung wie im Falle Pakistan zielt Farrows Besuch bei dem berüchtigten Warlord Dostum, einem der engsten Verbündeten der Amerikaner in Afghanistan gegen die Taliban – und einem der brutalsten. Farrow konfrontiert ihn mit Kriegsverbrechen, deren Untersuchung die Amerikaner hintertrieben haben. Tatsächlich räumt der Warlord ein, dass damals nicht alles korrekt zugegangen sein mag – aber er sei immer der treueste Freund der Amerikaner gewesen! Die Situation in Afghanistan bleibt ein Desaster, eine Weltmacht macht sich dabei mitschuldig. Umsonst hatte Holbrooke auf Geheimdiplomatie mit den Taliban gesetzt: Wie ein Agentenfilm wirken die Passagen über den amerikanischen Erstkontakt mit einem Taliban-Vertreter in einem oberbayerischen Dorf, eingefädelt vom deutschen Diplomaten Michael Steiner und dem BND.

Ohne Zweifel steht Ronan Farrow für jenes politische Establishment, das von Trump und seinen Anhängern gehasst und von Bernie Sanders und seinen linken Anhängern attackiert wird. Farrow will die zivile Seite einer Weltmacht stärken, er plädiert für eine Renaissance der Diplomatie – im Sinne eines moralischeren, aber illusionslosen Amerikas mit weltpolitischen Interessen. Richard Holbrooke hatte seinen jungen Mitarbeiter einmal angebrüllt: "Ich weiß, dass Sie glauben, dass Sie eine Berufung haben. Dass Sie großartige Taten vollbringen werden. Dass Sie für Ihr Land etwas bewirken können. Ich weiß, dass Sie sich da schon in jungen Jahren sehr sicher waren." Wir dürfen tatsächlich gespannt sein, welche Rollen Amerika künftig für Ronan Farrow bereithält.

Ronan Farrow: Das Ende der Diplomatie. A. d. Engl. v. H. Dierlamm, H. Lutosch, H.-P. Remmler, G. Würdinger; Rowohlt Verlag, Hamburg 2018; 480 S., 22,– €, als E-Book 14,99 €

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