Als Stefanie Carp ihre Arbeit als Intendantin der Ruhrtriennale begann, führte sie drei Erfahrungen im Gepäck: die Erfahrung des Erfolgs, die Erfahrung der Kontroverse – und die Erfahrung, dass beides oft nebeneinander siedelt. Mit ihrem radikalen Anspruch erntete sie oft Begeisterungsstürme eines Teils der interessierten Öffentlichkeit, die dafür sorgten, dass sie als "Dramaturgin des Jahrzehnts" ausgezeichnet wurde. Andererseits erzürnt sie, und zwar nicht ohne Vorsatz, gern den anderen Teil der Öffentlichkeit: konservatives Bürgertum und auf Wirtschaftlichkeit pochende Kulturpolitiker, deren Kapitalismus sie auch mal als "Ökonomiefaschismus" schmähte.

Bei der am vorigen Freitag mit einem Stück des südafrikanischen Universaltalents William Kentridge eröffneten Ruhrtriennale erzürnte Carp das Publikum nun wieder. Und doch ist es diesmal anders als zuvor. Dieses Mal steht sie nicht aufgrund ihres künstlerischen Konzepts unter Beschuss, wie es ihr vor Jahren etwa in Zürich wegen ihrer Projekte mit Christoph Schlingensief passierte. Nein, diesmal geht es um mehr. Carps Kritiker sprechen von der "Staatsräson" der Bundesrepublik, gegen die sie aufbegehre. Carp selbst spricht von einer Kampagne gegen sie.

Seit über zwei Monaten tobt der Streit nun schon, bei dem es letztlich um die Frage geht, wo Israelkritik endet und wo Antisemitismus beginnt. Ist künstlerische Freiheit grenzenlos? Für Carp geht es mittlerweile um: ihren Job.

Begonnen hat alles damit, dass Carp die Band Young Fathers für ein Ruhrtriennale-Konzert nach Bochum holen wollte. Die jungen Künstler aus dem schottischen Edinburgh werden seit einiger Zeit für ihre Fusion aus Hip-Hop und klassischem Pop und ihre anspruchsvollen Texte von Publikum und Kritikern gleichermaßen gefeiert – aber auch kritisiert. Denn die Band engagiert sich nicht nur gegen Rassismus, sondern auch zusammen mit der Organisation BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) für einen umfassenden Boykott von allem, was mit Israel zu tun hat. 2017 sagten Young Fathers ihren Auftritt beim Berliner "Pop-Kultur"-Festival ab, weil dort auch israelische Künstler auftraten, deren Anreise die Kulturabteilung der israelischen Botschaft mit 500 Euro bezuschusste. Andere Bands, die ebenfalls auf dem Festival auftraten, setzte der BDS unter Druck. Eine Form der Erpressung, die bei großen Kulturveranstaltungen in ganz Europa mittlerweile zur Routine gehört – und der sich vor allem britische Bands in großer Zahl anschließen. Manche aus Sympathie für die Sache, andere aus Unwissenheit – und manche aus Angst, denn Bands wie Radiohead, die sich in der Vergangenheit der Forderung des BDS widersetzten und ihre Konzerte in Israel nicht absagten, werden seitdem regelmäßig als "Apartheids-Unterstützer" angegangen.

Muss man nicht also, so steht es im Raum, diese Boykotteure nun ihrerseits boykottieren, um ein Zeichen zu setzen für die Kunstfreiheit? Oder schränkten Auftrittsverbote für Künstler, die den BDS unterstützen, nicht ihrerseits die Kunstfreiheit ein?

Solche Diskussionen wurden in Deutschland bislang selten geführt, weil der BDS weitgehend unbekannt ist, und so erklärt sich, dass Musiker aus dem Umfeld des BDS regelmäßig auf deutschen Bühnen spielen. Auch Carps Vorgänger bei der Ruhrtriennale luden öfter solche Künstler ein. Doch spätestens seit die Rapper Kollegah und Farid Bang mit antisemitischen Sprüchen im Umfeld der Echo-Verleihung dafür gesorgt haben, dass der Preis, immerhin einer der größten Musikpreise Deutschlands mit jahrzehntelanger Geschichte, über Nacht abgeschafft wurde, hat sich in der Debatte eine Grundnervosität eingestellt.

Anfang Juni machte ein lokaler Blog auf die BDS-Unterstützung der Young Fathers aufmerksam, woraufhin die jüdische Aktivistin Malca Goldstein-Wolf eine Protestnote an den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten richtete und die Bitte formulierte: "Lieber Herr Armin Laschet, schützen Sie jüdisches Leben in Deutschland. Sorgen Sie dafür, dass Young Fathers keinen Auftritt auf der Ruhrtriennale bekommen!" Auch jüdische Gemeinden zeigten sich empört. Am 27. Januar, dem Holocaustgedenktag, hatten sich Künstler aus dem Ruhrgebiet an die Öffentlichkeit gewandt und beklagt, dass sich Juden in Bochum aus Angst vor Übergriffen kaum mehr mit Kippa auf die Straße trauten – und nun solle ausgerechnet hier ein Konzert mit einer Band stattfinden, die, so sehen es Carps Kritiker, israelische Künstler zum Schweigen bringen will?

Carp selbst betont, Boykottstrategien falsch zu finden, und doch, so gibt sie zu bedenken, die inhaltliche Stoßrichtung des BDS, bei der es sich ja immerhin um eine gewaltfreie Organisation handele, sei trotzdem nicht ganz falsch. Könne man nicht auch den israelischen Staat kritisieren, ohne sich direkt des Antisemitismus schuldig zu machen?