Das konservative Lager steht also vor einer entscheidenden Frage: Schwimmt man mit der Strömung der Fremdenfeindlichkeit, oder stemmt man sich dagegen? Die Verlockung, sich von der Welle tragen zu lassen, ist groß. Lange Jahre sorgte die christliche Parteibindung dafür, dass viele Wähler aus der Mittel- und Unterschicht sich mit Parteien identifizierten, die mit ihrer Wirtschafts- und Steuerpolitik vor allem die Interessen der Reichen schützten. Doch in Europa (anders als in den USA) hat das Christentum seine Macht nahezu verloren. Europas Kirchen selbst wiederum sind genauso wie die ihnen nahestehenden Parteien in kulturellen und sexuellen Fragen immer liberaler geworden. Nahezu überall besetzen deshalb fremdenfeindliche Bewegungen auch auf diesen Feldern konservative Positionen.

Gleichzeitig steht die politische Linke vor ganz ähnlichen Herausforderungen. Auch sie hat ihre traditionellen Wählergruppen verloren, und nachdem sie zunächst dem Neoliberalismus anheimfiel, stellt sie nun die zunehmende Fremdenfeindlichkeit vor große Probleme. Aber was folgt für sie daraus?

Zunächst gilt es für alle Parteien, die sich im weiteren Sinne als sozialdemokratisch verstehen, sich an den historischen Auftrag der Sozialdemokratie zu erinnern: die Regulierung des globalen Kapitalismus. Dabei geht es nicht darum, sich gegen die Marktwirtschaft zu stellen, sondern Bürger vor der Macht der Märkte zu schützen und den Kapitalismus intelligent einzuhegen. Dafür bedarf es mehr Sozialpolitik, nicht weniger. Mehr Unterstützung für Schwächere und stärkere Gewerkschaften. Doch eines müssen Linke, die auf der Höhe der Zeit handeln wollen, dafür akzeptieren: Moderne Volkswirtschaften sind so stark miteinander verwoben, dass die regulierenden Möglichkeiten einzelner Nationalstaaten stark eingeschränkt sind. Nur durch Zusammenarbeit kann etwa das Problem der Steuerflucht internetbasierter Unternehmen angegangen werden. Eine linke Agenda, die mit nostalgischen Gefühlen für die autonomen Volkswirtschaften der Nachkriegszeit getränkt ist, wird es mit dem modernen Kapitalismus nicht aufnehmen können. Hier liegt eines der maßgeblichen Probleme von Wagenknechts Bewegung. Ein zweites findet sich mit Blick auf die Wählermilieus.

Während der Jahre des Dritten Wegs und der Neuen Mitte, die Politiker wie Gerhard Schröder oder Tony Blair propagierten, versuchten sozialdemokratische Parteien in ganz Europa, moderne, marktaffine Gesellschaftsschichten für sich zu gewinnen.

Und bis zu einem gewissen Maß war dieser Weg erfolgreich. Vor allem Frauen fühlten sich zunehmend von sozialdemokratischer Politik angesprochen. Heute sind sie es und nicht mehr die Industriearbeiter, die die Hauptwählerschaft der Mitte-links-Parteien stellen. Die Sozialdemokraten sprechen auch gebildetere Wähler an und solche, die in Städten und Gebieten mit dynamischer Wirtschaft leben. Dies sind zumeist auch die Menschen, die sich mit einem international ausgerichteten Leben wohlfühlen – zu dem die Anwesenheit von Einwanderern zählt.

Das Problem dabei: Während sie diese neuen Wähler erreichten, verloren die sozialdemokratischen Parteien alte Machtbasen. Die alten Wähler wiederum wandten sich neuen Bewegungen zu, die nicht nur Fremdenhass bedienen, sondern grundsätzlich für eine Vergangenheit stehen, geprägt von einer männerbestimmten verarbeitenden Industrie und Sozialkonservatismus. Die Wählergruppen von heute sind kulturell gespalten: Postindustrielle gegen Industriearbeiter, kosmopolitisch und liberal gegen lokal und konservativ, womöglich sogar Frauen gegen Männer.

Wer die Rechten nachahmt, der verliert

Zweifellos ist es eine schwierige Aufgabe, ohne die festen Loyalitäten früherer Jahre zwischen heterogenen Wählergruppen zu vermitteln. Allerdings liegt genau hier die Aufgabe einer modernen Linken. Wagenknecht und ihre Verbündeten scheinen dagegen vor allem an der schwindenden Arbeiterklasse interessiert. Für Männer und Frauen, die sich im prekären Dienstleistungssektor des digitalen Kapitalismus abmühen, haben sie kaum ein Angebot – vor allem, wenn diese Menschen auch noch liberale Werte vertreten.