Tatsächlich wäre es eine Gefahr für die sozialdemokratische Linke, sich allein auf die abgehängte Arbeiterklasse zu konzentrieren: Diese Klasse wird niemals wieder aus sich heraus eine Mehrheit stellen. Die viel beschworene Koalition der "Abgehängten", die bei Brexit und Trump zum Erfolg führte, ließ die alte Arbeiterklasse noch einmal auf die Bühne treten – allerdings, und das ist wichtig, nur als Juniorpartner einer deutlich größeren, nationalistischen, sozial konservativen und oftmals wohlhabenden Wählerschaft. Die Linke wird die alte Arbeiterklasse nicht zurückgewinnen, indem sie die nostalgischen und antieuropäischen Appelle der Rechten nachahmt. Wenn es um so etwas geht, ist die Rechte schlicht deutlich besser, das ist ihr Markenkern.

Doch es gibt einen Ausweg aus diesem Dilemma: Die sozialdemokratische Linke muss ihre starke Verbindung zu Sozialstaat und Gewerkschaften wiederaufleben lassen. Dazu muss sie die neuen, oftmals mit großer beruflicher Unsicherheit konfrontierten Arbeitnehmer im privaten Dienstleistungssektor davon überzeugen, dass sie ebenso sehr wie Handarbeiter und Staatsbedienstete eine Vertretung ihrer Interessen durch Gewerkschaften benötigen. Damit es Menschen mit moderatem und geringem Einkommen gut geht, benötigen sie Unterstützung durch die öffentliche Ordnung. Das gilt insbesondere für die vielen Frauen, die mittlerweile im öffentlichen und privaten Sektor arbeiten und mit der schwierigen Aufgabe ringen, ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Familie zu finden. Gleichzeitig kann nur eine zukunftsgerichtete Wirtschafts- und Stadtpolitik die Probleme lösen, mit denen die ehemaligen Industriehochburgen zu kämpfen haben. Hier ist kluges staatliches Handeln gefragt, damit die Logik der Märkte nicht ganze Regionen in den Abgrund stürzt. Das jedoch macht es erforderlich, neue Aktivitäten zu entwickeln, anstatt zu versuchen, den alten Branchen durch wirtschaftlichen Protektionismus scheinbar zu alter Stärke zu verhelfen, wie es Politiker sowohl aus dem rechten Lager (Donald Trump) wie auch der alten Linken (Jeremy Corbyn, Jean-Luc Mélenchon) gerade versuchen.

Gewiss ist dies alles nicht leicht, und natürlich stellen auch die neuen Wählermilieus der linken Parteien ein Problem dar. Sie sind geistig offen genug, ein über den Nationalstaat hinausreichendes Leben willkommen zu heißen, aber genau aus diesem Grund werden die gebildeten Wähler der Zukunft keine feste politische Identität besitzen. Parteien aller Lager werden es bei der Wählerschaft mit einem immer wieder wechselnden Kaleidoskop von Wünschen und Werten zu tun bekommen. In den Parlamenten vieler Länder, von Schweden bis Portugal, spielt eine links von der Sozialdemokratie stehende Partei eine wichtige Rolle. Diese Parteien könnten überleben, selbst wenn die Sozialdemokratie sich vom Neoliberalismus befreit. Aber sie werden nicht zu sozialistischen Massenbewegungen früherer Zeiten. Wechselnde Bündnisse und auch Minderheitsregierungen werden zur Regel.

Nur Koalitionen mit fremdenfeindlichen Parteien gilt es dabei zu vermeiden. Denn in den USA, Großbritannien, Ungarn, Polen und jetzt auch Italien wird klar, was das Ziel dieser extremen Rechten ist: Sie nutzen die fremdenfeindliche Stimmung, um den Staat umzubauen. Sie stehen gegen die Verfassung und die Institutionen der liberalen Demokratie. Diese Bewegungen werden noch lange Zeit präsent sein, denn in einer unruhigen Welt ist Feindseligkeit gegen Fremde eine mächtige Kraft. Sahra Wagenknecht und ihre Bündnispartner müssen sich sehr genau überlegen, ob es ihnen wirklich gelingen kann, diese mächtigen Kräfte nach links umzulenken. Oder ob sie bei dem Versuch nicht selbst mit in den Strudel gerissen werden.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz