In den letzten Jahrzehnten ist eine von Schuld- und Schamgefühlen getriebene Moralisierung der politischen Sphäre zu beobachten. Mitunter wirken zum Beispiel Naturschützer oder Flüchtlingshelfer in ihrem Engagement weniger durch die Liebe zur Natur oder durch Mitgefühl und wohlwollende Neugierde gegenüber fremden Menschen motiviert als durch den Wunsch, sich mit Blick auf Umweltprobleme oder die ungerechten globalen Machtverhältnisse und Ressourcenverteilungen weniger schuldig zu fühlen. Das ist eine Selbstbezogenheit, die den Vögeln und Bibern vermutlich schnurz ist, die jedoch einer echten Kommunikation mit fremden Menschen (und ihrer Integration) nicht förderlich sein kann. 

Werden Korruption oder Verbrechen in weit entfernten, ehemals kolonisierten Weltgegenden thematisiert, dann oft so, als seien diese Übel eigentlich nicht den realen gegenwärtigen Tätern vorzuwerfen; vielmehr trüge aufgrund von historischem Unrecht in der Vergangenheit auf eine diffuse Weise das eigene Kollektiv die Schuld; etwa "der Westen" oder "die Europäer" als ehemalige Kolonialmächte. Nach dieser Logik könnte freilich auch jemand argumentieren, dass Hitler ohne den Versailler Vertrag wohl kaum an die Macht gekommen wäre und daher die Siegermächte des Ersten Weltkrieges schuld an den Nazigräueln gewesen seien.

Auch an ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen in fernen Ländern, globalen Umweltschäden und anderen Übeln und Unvollkommenheiten fühlen wir uns aufgrund der ökonomischen Verflechtung mitschuldig. Das führt zu einem chronisch schlechten Gewissen und einer gewissen Selbstverachtung bei all jenen, die nicht durch ihre Kaufentscheidungen sozial gerechtere und umweltverträglichere Lebensverhältnisse fördern, auch wenn sie gar nicht wissen, wie sie sich anders verhalten könnten. Das nützt vor allem denjenigen, die das als Marktfaktor ausschlachten: Unternehmen, die mit angeblich guten Arbeitsverhältnissen und nachhaltiger Produktion werben.

Neben dieser massentauglichen Produktion von schlechtem Gewissen hat sich an den kulturwissenschaftlichen und religionswissenschaftlichen Departments amerikanischer Privatuniversitäten auch noch eine avantgardistische Form der Transformation von Politik in Schuldnarrative entwickelt, die sich mittlerweile auch immer stärker in Europa ausbreitet.

Diese Bewegung teilt mit der traditionellen Linken die Forderung nach Gerechtigkeit; gleichzeitig verbindet sie mit der Neuen Rechten à la Stephen Bannon die Geringschätzung der aufklärerischen Vorstellung, dass alle Menschen ungeachtet ihrer biologischen und kulturellen Unterschiede aufgrund ihrer Fähigkeit, sich von sich selbst distanzieren und mit anderen mitfühlen zu können, eine Gemeinschaft bilden können, die auf Toleranz und Wertschätzung der Einzelnen beruht. An die Stelle der Ideale der Aufklärung tritt in dieser Bewegung eine Kombination von Schuldnarrativen, Ansprüchen auf Anerkennung kulturell bedingter Differenzen sowie der Tabuisierung und Sakralisierung individuellen Leidens und individueller Verletzlichkeit.

Rücksicht auf die Verletzlichkeiten von Personen zu nehmen bedeutet für diese Avantgarde nicht etwa ein mitfühlendes Verstehen anderer menschlicher Schicksale. Verstehen würde schon eine übergriffige Vereinnahmung gegenüber den Leidenden darstellen. Umgekehrt sollte sich der seiner Würde bewusste Leidende in öffentlichen Diskursen nicht auf allgemein nachvollziehbare Gründe berufen, sondern eine Formulierung wählen wie "als ein xy ... kann ich sagen, dass ..." – wobei xy für irgendeine Eigenschaft steht wie "afroamerikanisch", "schwul", "weiblich". Es wird unterstellt, nur ein Mitglied der Gruppe, die diese Eigenschaft aufweist, könne mit Autorität für das sprechen, worunter diese Gruppe leidet und worauf sie Anspruch hat. Dies gilt allerdings nur für solche Eigenschaften, die sich auch auf Schuldnarrative oder zumindest auf unverdientes Leiden beziehen lassen.

Man stieße auf wenig Verständnis, würde man die Autorität der eigenen Stimme mit der eigenen Erfahrung als Milliardärin oder als SS-Mann begründen. Beruft man sich jedoch auf Benachteiligung, kulturelle Besonderheiten oder vergangenes Unrecht, dann kann vermeintlich niemand, der nicht zu dieser Gruppe gehört, sich anmaßen, sie zu verstehen oder gar mit Autorität für sie zu sprechen. Auf diese Weise wird persönliche Lebenserfahrung auf einen bloßen Ausdruck subjektiver Verletztheit reduziert. Sie ist nicht mehr Quelle von Einsichten, die gerade für diejenigen wichtig sein könnten, die nicht dasselbe erlebt haben, sondern wird zu einem Eigentum, auf das andere nicht zugreifen dürfen.

Selbst ernannte Opfervertreter

Neuerdings trifft das Prinzip der Erfahrung als Gruppeneigentum sogar die darstellende Kunst: Die Schauspielerin Scarlett Johansson verzichtete nach Protesten von Transgender-Aktivisten auf ihre geplante Rolle eines Transmannes im Film Rub & Tug und bedauerte ihre ursprüngliche Zusage als "unsensibel". Joaquin Phoenix, der in Gus Van Sants Film Don’t Worry, weglaufen geht nicht einen Querschnittsgelähmten spielt, konnte sich nur noch mit der Begründung, dieser werde auch in einer Lebensphase gezeigt, in der er nicht querschnittsgelähmt war, gegen den Vorwurf verteidigen, sich unberechtigterweise eine Rolle anzumaßen, die eigentlich Querschnittsgelähmten gebührt.

Dieses Denkmodell der Erfahrung als exklusiven Besitzes unverschuldet Leidender ist offenkundig widersprüchlich. Einerseits wird unterstellt, dass Menschen, die nicht der eigenen Gruppe angehören, deren Leiden auch nicht verstehen könnten. Andererseits wird mit dem Hinweis auf diese Unzugänglichkeit des eigenen Leids eine Anerkennung dieses Leidens eingefordert. Und während man anderen die Fähigkeit und das Recht zum Verstehen abspricht, erteilt man sich selbst ein Privileg: als Mitglied der Gruppe der Querschnittsgelähmten oder Transsexuellen oder welcher Gruppe auch immer stellvertretend für alle anderen Querschnittsgelähmten oder Transsexuellen oder Mitglieder sonstiger Gruppen sagen zu können, was diese fühlen. 

Hat man ein Schuldnarrativ parat, das Träger anderer allgemeiner Charakteristika wie "weiß" oder "Mann" einer Tätergruppe zuordnet, so erwirbt man sogar das weitere Privileg, sagen zu können, was diese anderen als Täter denken und wollen. Es sind allerdings so gut wie nie die tatsächlichen "Opfer", sondern meist selbst ernannte Opfervertreter, die sich die Befugnis zuschreiben, anderen aufgrund ihrer Identität das Recht auf Verständnis oder auch nur freie Meinungsäußerung zu bestimmten Themen zuzusprechen oder zu verweigern. So hat die Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen moralischen und politischen Übeln die Gestalt einer Anklage durch selbst ernannte Richter angenommen, die Menschen je nach Hautfarbe oder anderer nicht selbst erzeugter Eigenschaften als Opfer und Täter vergangenen und systemischen Unrechts identifizieren.

Dies hat sich auch auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sklaverei und den gegenwärtigen Formen von Rassismus in den USA ausgewirkt, die an Universitäten unter anderem die Gestalt des Faches Critical Whiteness Studies angenommen hat. "Weißsein" kritisch zu betrachten verlangt, die eigene Hautfarbe nicht als kontingente physische Gegebenheit zu sehen. Es soll der Bewertungscode mitgedacht werden, nach dem dunkle Hautfarben minderwertig und helle mit einer Reihe von ererbten Privilegien verbunden sind, an denen Hellhäutige bis heute teilhaben und die sie weiterhin reproduzieren, auch wenn sie sich keiner rassistischen Einstellung bewusst sind. Dieser ursprünglich von der Schriftstellerin Toni Morrison initiierte Paradigmenwechsel im Verständnis von Rassismus kann erhellend sein, wenn es um psychokulturelle Zusammenhänge geht. Leider hat er sich mehr und mehr in ein Gericht verwandelt, das mit Exerzitien beginnt, in denen Weiße eine Beichte über ihre Privilegien ablegen müssen. Wer als Weißer moralisch nicht auf der falschen Seite stehen will, soll lernen, sich selbst als defizient zu betrachten: als ein Wesen, dessen Gefühlsleben aufgrund der psychologischen Verdrängung der von ihm ausgehenden Unterdrückung nun durch "Angst, Hass, Gleichgültigkeit, Gedächtnisverlust, Betäubung, Verleugnung, Einsamkeit, Wut und Hoffnungslosigkeit" (so der Prediger William Gardiner) bestimmt ist. Tribunale dieser Art sind unfehlbar, denn wer sich fragt, ob er rassistisch und/oder sexistisch gewesen ist, wird auch Schuld zutage fördern. So entsteht eine aufgeheizte Atmosphäre der moralischen Selbstüberbietung, in der Religionswissenschaftler wie Christopher Driscoll sich als Autoritäten einer höheren Moral gebärden und ihren weißen Mitmenschen zehn Gebote für Weiße verkünden wie: "Denke immer daran, dass es nicht um die Frage geht, ob Gewalt zu verteidigen ist, sondern wessen Gewalt zu verteidigen ist."

Schuldgefühl kann politische Desorientierung kompensieren

Berücksichtigt man den Umstand, dass sich diese Entwicklung nicht als religiöse Fanatisierung eines ungebildeten Teils der amerikanischen Bevölkerung, sondern in einer Bildungselite vollzieht, die starke Ausstrahlung auch nach Europa hat, dann steht der in modernen Kategorien individueller Täterschuld denkende Mensch vor einem Rätsel. Die neue Ressentimentmoral folgt nicht der Logik der Individualschuld, sondern erinnert eher an die christliche Figur der Erbsünde. Für eine Schuld, die als Befleckung, Makel oder Bewusstsein einer aufgrund der Hautfarbe oder anderen Gruppenqualitäten ererbten kollektiven Korrumpiertheit besteht und nach Selbstbezichtigungs- und Reinigungsritualen verlangt, gibt es in modernen säkularen Kontexten jedoch gar keine ideologische Grundlage. Warum können sich dann diese Vorstellungen und die destruktiven Formen der Auseinandersetzung derart verbreiten?

Das wirft drei weitere Fragen auf: eine psychologische, eine philosophische und eine moralische. Was könnte Menschen motivieren, sich schuldig fühlen zu wollen, auch wenn sie gar nichts Unrechtes getan haben? Und warum kommt ihnen das nicht widersinnig vor? Glauben Sie vielleicht an eine moralische Verpflichtung, sich schuldig zu fühlen? Psychologisch betrachtet, ist die Selbstzuschreibung von Schuld nicht nur mit einer negativen Wertung verbunden, sondern auch mit einem Gewinn: Wer sich schuldig fühlt, der hätte auch anders handeln können. Er muss sich nicht ohnmächtig fühlen. Zudem ergibt sich eine klare Handlungsorientierung: Das Opfer muss entschädigt werden. So kann Schuldgefühl politische Desorientierung ebenso kompensieren wie das Gefühl politischer Ohnmacht. Es verleiht ein fiktives Machtgefühl und gibt dem Handeln eine Richtung.

Dass es einem nicht widersinnig vorkommt, sich für Dinge anzuklagen, die nicht in der eigenen Macht liegen, geht aber vermutlich auch auf Besonderheiten des westlichen Verständnisses von Schuld zurück. Sie drückt sich auch in der Mehrdeutigkeit des deutschen Begriffs Schuld aus. Schuld kann sowohl eine Verpflichtung bedeuten als auch, dass man etwas verursacht hat oder einem etwas vorwerfbar ist. Das sind verschiedene Dinge, die jedoch in der Rede von Schuld oft verschwimmen. Philosophen und Juristen unterscheiden hier zwar scharf: Nicht jeder Person, die an etwas schuld ist in dem Sinne, dass sie ein Übel verursacht (oder als Mitglied eines Kollektivs mitverursacht) hat, ist dieses Übel auch vorwerfbar – insbesondere dann nicht, wenn ihr diese mögliche Folge ihres Tuns oder Lassens gar nicht hätte bewusst sein können oder sie nicht hätte verhindern können.

Vorwerfen kann man einer Person nur Handlungen oder Unterlassungen, die in ihrer eigenen Macht lagen. Viele Übel sind jedoch gar nicht auf vorwerfbares Handeln Einzelner zurückzuführen. Dies trifft insbesondere auf die systemischen Resultate des unkoordinierten Handelns vieler zu. Aber auch das Verhalten von Menschen, die alles richtig machen wollen, kann üble Folgen haben – entsprechend hat schon Aristoteles deutlich zwischen im Resultat ungeschickten, aber nicht vorwerfbaren Handlungen, tatsächlich vorwerfbaren Handlungen sowie der Tadelbarkeit von Personen unterschieden, die vorsätzliches Fehlverhalten voraussetzt. In dem Maße, in dem westliche Menschen dazu neigen, zu jedem Übel einen Schuldigen zu suchen, dem es vorgeworfen werden kann, bietet sich als Reaktion auf Schuldzuschreibungen nur Selbstkritik und der Wunsch nach ständiger Selbstkorrektur an. Die Möglichkeit, auf schlimme Entwicklungen mit Gesten des Bedauerns, der Trauer und Versöhnung zu reagieren, bleibt diesem Schuldverständnis verschlossen. Daher rührt auch die Giftigkeit des Diskurses über "white guilt".

Schließlich die moralische Motivation zum schlechten Gewissen: Entspringt die Sucht nach Schuld vielleicht dem Glauben, eine Kultivierung des Schuldgefühls weit über den Bereich der eigenen Verantwortung hinaus fördere das moralische Bewusstsein und mache einen zu einem besseren Menschen? Eher verengt die Verbindung von moralischer Verantwortung mit Schuldgefühlen die moralische Wahrnehmung. Sollte man leidenden Individuen, unterprivilegierten Gruppen, Menschen in Kriegs- oder Katastrophengebieten etwa nur deswegen Solidarität zeigen, weil man durch irgendein vergangenes Fehlverhalten die dortigen Fehlentwicklungen mitverursacht hat? Sollten wir diese Solidarität umgekehrt denen verweigern, mit denen uns kein Schuldnarrativ verbindet? Das wäre nicht nur unmoralisch, sondern auch politisch unklug. Nicht Schuld-, sondern Verantwortungsbewusstsein ist hier gefragt.