Neuerdings trifft das Prinzip der Erfahrung als Gruppeneigentum sogar die darstellende Kunst: Die Schauspielerin Scarlett Johansson verzichtete nach Protesten von Transgender-Aktivisten auf ihre geplante Rolle eines Transmannes im Film Rub & Tug und bedauerte ihre ursprüngliche Zusage als "unsensibel". Joaquin Phoenix, der in Gus Van Sants Film Don’t Worry, weglaufen geht nicht einen Querschnittsgelähmten spielt, konnte sich nur noch mit der Begründung, dieser werde auch in einer Lebensphase gezeigt, in der er nicht querschnittsgelähmt war, gegen den Vorwurf verteidigen, sich unberechtigterweise eine Rolle anzumaßen, die eigentlich Querschnittsgelähmten gebührt.

Dieses Denkmodell der Erfahrung als exklusiven Besitzes unverschuldet Leidender ist offenkundig widersprüchlich. Einerseits wird unterstellt, dass Menschen, die nicht der eigenen Gruppe angehören, deren Leiden auch nicht verstehen könnten. Andererseits wird mit dem Hinweis auf diese Unzugänglichkeit des eigenen Leids eine Anerkennung dieses Leidens eingefordert. Und während man anderen die Fähigkeit und das Recht zum Verstehen abspricht, erteilt man sich selbst ein Privileg: als Mitglied der Gruppe der Querschnittsgelähmten oder Transsexuellen oder welcher Gruppe auch immer stellvertretend für alle anderen Querschnittsgelähmten oder Transsexuellen oder Mitglieder sonstiger Gruppen sagen zu können, was diese fühlen. 

Hat man ein Schuldnarrativ parat, das Träger anderer allgemeiner Charakteristika wie "weiß" oder "Mann" einer Tätergruppe zuordnet, so erwirbt man sogar das weitere Privileg, sagen zu können, was diese anderen als Täter denken und wollen. Es sind allerdings so gut wie nie die tatsächlichen "Opfer", sondern meist selbst ernannte Opfervertreter, die sich die Befugnis zuschreiben, anderen aufgrund ihrer Identität das Recht auf Verständnis oder auch nur freie Meinungsäußerung zu bestimmten Themen zuzusprechen oder zu verweigern. So hat die Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen moralischen und politischen Übeln die Gestalt einer Anklage durch selbst ernannte Richter angenommen, die Menschen je nach Hautfarbe oder anderer nicht selbst erzeugter Eigenschaften als Opfer und Täter vergangenen und systemischen Unrechts identifizieren.

Dies hat sich auch auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sklaverei und den gegenwärtigen Formen von Rassismus in den USA ausgewirkt, die an Universitäten unter anderem die Gestalt des Faches Critical Whiteness Studies angenommen hat. "Weißsein" kritisch zu betrachten verlangt, die eigene Hautfarbe nicht als kontingente physische Gegebenheit zu sehen. Es soll der Bewertungscode mitgedacht werden, nach dem dunkle Hautfarben minderwertig und helle mit einer Reihe von ererbten Privilegien verbunden sind, an denen Hellhäutige bis heute teilhaben und die sie weiterhin reproduzieren, auch wenn sie sich keiner rassistischen Einstellung bewusst sind. Dieser ursprünglich von der Schriftstellerin Toni Morrison initiierte Paradigmenwechsel im Verständnis von Rassismus kann erhellend sein, wenn es um psychokulturelle Zusammenhänge geht. Leider hat er sich mehr und mehr in ein Gericht verwandelt, das mit Exerzitien beginnt, in denen Weiße eine Beichte über ihre Privilegien ablegen müssen. Wer als Weißer moralisch nicht auf der falschen Seite stehen will, soll lernen, sich selbst als defizient zu betrachten: als ein Wesen, dessen Gefühlsleben aufgrund der psychologischen Verdrängung der von ihm ausgehenden Unterdrückung nun durch "Angst, Hass, Gleichgültigkeit, Gedächtnisverlust, Betäubung, Verleugnung, Einsamkeit, Wut und Hoffnungslosigkeit" (so der Prediger William Gardiner) bestimmt ist. Tribunale dieser Art sind unfehlbar, denn wer sich fragt, ob er rassistisch und/oder sexistisch gewesen ist, wird auch Schuld zutage fördern. So entsteht eine aufgeheizte Atmosphäre der moralischen Selbstüberbietung, in der Religionswissenschaftler wie Christopher Driscoll sich als Autoritäten einer höheren Moral gebärden und ihren weißen Mitmenschen zehn Gebote für Weiße verkünden wie: "Denke immer daran, dass es nicht um die Frage geht, ob Gewalt zu verteidigen ist, sondern wessen Gewalt zu verteidigen ist."