Nicht in Brüssel, nicht in Bern, nein, im östlichen Zipfel von Österreich, an der Grenze zu Slowenien, nimmt die Geschichte ihren Anfang, die vergangene Woche mit einem innenpolitischen Knall endete. Ein Chlapf, wie ihn die Schweiz schon lange nicht mehr erlebt hat.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) verweigert das Gespräch mit dem Bundesrat. Verhandelt werden sollte, ob und wie man die flankierenden Maßnahmen, mit denen die Schweiz ihre Arbeitnehmer vor Lohndumping und schlechten Arbeitsbedingungen schützt, anpassen könnte, damit sich die Europäische Union nicht länger an ihnen stört.

Gar nicht, lautete die Antwort der Gewerkschaften: Die sogenannte Acht-Tage-Regel und der Lohnschutz sind sakrosankt. Auch wenn damit das Rahmenabkommen mit der EU nicht zustande kommen sollte, über das Bern und Brüssel seit Jahren diskutieren.

Viel war in den vergangenen Tagen von verletzten Männer-Egos die Rede, viel von zerstörten, jahrzehntealten Beziehungen. Gewerkschaftspräsident Paul Rechsteiner sprach von "Verrat". Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann von einem "Vertrauensbruch". Die beiden Herren kennen sich seit über 30 Jahren, haben zahlreiche heftige Konflikte ausgetragen. Nun herrscht Funkstille.

Woher aber kommt diese neue linke Angst vor Europa? Aus Österreich.

Im Jahr 2016 wollte der Eigenheimbesitzer Michael Vavti Umbauarbeiten an seinem Haus vornehmen lassen. Es steht in der Gemeinde Bleiburg in Kärnten. Dazu beauftragte Vavti die slowenische Firma Čepelnik. Insgesamt ging es um einen Auftrag in der Höhe von 12.000 Euro. So weit, so normal, in einem grenzenlosen Europa, in dem Firmen ihre Dienstleistungen regelmäßig im Nachbarland anbieten.

Als aber die österreichische Finanzpolizei die Baustelle von Michael Vavti kontrollierte, stellte sie fest, dass die slowenische Firma zwei ihrer Arbeiter nicht ordnungsgemäß angemeldet hatte und für vier Arbeiter die Lohnunterlagen nicht auf Deutsch vorlagen. Die Polizei befahl dem Hauseigentümer: Leisten Sie keine weiteren Zahlung an die ausländische Baufirma. Stattdessen musste Vavti dem Staat eine Sicherheitsleistung hinterlegen, weil die Firma ihren Sitz nicht in Österreich hatte. Für den Fall, dass die von ihm beauftragte Firma Čepelnik die Buße, die ihr von der Finanzpolizei möglicherweise drohte, nicht bezahlen würde. Es ging um 5200 Euro, der Betrag entsprach den noch ausstehenden Gehältern.

Diese Auftraggeberhaftung soll die Arbeiter vor Dumpinglöhnen und die heimischen Firmen vor Billigkonkurrenz schützen.

Als nun die Firma Čepelnik den Betrag bei Vavti einforderte, verwies dieser auf die hinterlegten 5200 Euro. Für ihn war klar, er hatte die Rechnung bereits bezahlt. Die Slowenen sahen das anders – und klagten beim Bezirksgericht in Bleiburg, das den Fall an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg weiterreichte.

Die Schweizer Gewerkschaften verfolgten den Fall in Kärnten aufmerksam. Er dient ihnen, auch wenn er noch nicht abgeschlossen ist, als weiterer Beleg für eine Entwicklung, vor der sie seit Jahren immer wieder warnen: Im Zweifelsfall entscheiden sich der EuGH und die EU-Kommission gegen die Lohnempfänger und für die Unternehmen. Sie gewichten den freien Dienstleistungsverkehr höher als den Arbeitnehmerschutz. Sie stellen einen Grundsatz infrage, der seit Mitte der Neunzigerjahre im vereinten Europa gilt: "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort."