Alle Mitglieder der Familie des Schriftstellers Maxim Biller schreiben, die meisten von ihnen auch übereinander. Mutter Rada hat im Jahr 2003 auf Russisch einen autobiografischen Roman über die von Moskau und Prag nach Hamburg führende Familiengeschichte der Billers vorgelegt (Rada Biller: Melonenschale. Lebensgeschichte der Lea T.). Ihre Tochter Elena verfasste ihre Version der Familiengeschichte im Jahr 2016 auf Englisch (Elena Lappin: In welcher Sprache träume ich? Geschichte meiner Familie) und zitierte darin ausführlich die Memoiren der Mutter. Maxim Biller erwähnt in seiner neuesten, die Schwester-, Mutter-, Vater-, Tanten- und Onkelsicht berücksichtigenden Version der Familiengeschichte Sechs Koffer jetzt das Buch seiner Schwester. Hat man alle drei Romane gelesen, ist es wie immer, wenn große Familien zusammensitzen und übereinander reden: Man versteht nichts richtig. Und jeder etwas anderes.

Und genau darum geht es vor allem in den autobiografischen Romanen der beiden Geschwister, die in Prag und Hamburg dreisprachig (Russisch, Tschechisch und Deutsch) aufwachsen: um das Nichtgesagte in einer permanent sprechenden und schreibenden jüdischen Intellektuellenfamilie. "Geheimnisse und Lügen und ausweichende Antworten und bedeutungsvolle Blicke und versteckte wirkliche Meinungen waren ein normaler Bestandteil unserer täglichen Unterhaltungen", schreibt Maxim Billers Schwester Elena Lappin in ihrem Buch. Erst als erwachsene Frau erfährt sie, dass sie einen anderen Vater hat als ihr Bruder Maxim. Der wiederum schreibt in seinem Roman über das Geheimnis um seinen Großvater Schmil, der 1960 in Moskau in einem Schauprozess wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen verurteilt und entweder hingerichtet wurde (in Maxim Billers Roman) oder in einem sowjetischen Arbeitslager starb (im Roman seiner Schwester). Irgendjemand in der Familie soll den Alten verraten haben. Vielleicht einer der Onkel? Onkel Dima, der in Prag im Gefängnis saß und bei der Gelegenheit Spitzel wurde? Oder Onkel Lev, der mit der Familie nicht mehr redet? Oder war es die schöne Ehefrau von Onkel Dima, die so sehr in den Vater des Erzählers verliebt war und die den Onkel nach der Scheidung mit dessen Spitzelakten erpresst hat? Ach, man kann einfach niemandem trauen. Alle spielen ihr Spiel. Das aber verdammt gut.

Auch Maxim Biller spielt sein Spiel verdammt gut, indem er die Überlebensstrategie der Emigrantenfamilie schlau adaptiert: ausweichen, andeuten, weiterreden. Die Geheimdienst-Akte seines Onkels Dima, die der Erzähler eines Tages findet, liest er genauso wenig zu Ende wie die Liebesbriefe der Tante an seinen Vater, die ihm seine Mutter nach dessen Tod nach Berlin schickt. So wichtig ist die Enthüllung des Familiengeheimnisses nun auch wieder nicht. Besser alle Bälle in der Luft und sich Mutter, Vater, Tante und Onkel als tragikomische Kolumnenfiguren in sicherer Halbdistanz vom Leibe halten. Bevor eine Szene ins seelische Kleingedruckte entgleisen oder sonst wie unübersichtlich werden könnte, ist sie zu Ende und die Pointe im Kasten. Manchmal fließen dann ein paar Tränen. Meistens heißt es aber: "Und dann lachten wir alle." Und lachen ist natürlich immer gut.

Maxim Biller: Sechs Koffer. Roman; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018; 208 S., 19,– €, als E-Book 16,99

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