Die Schafe sind im Senegal überall. Sie bevölkern Hauseingänge und Verkehrsinseln, blöken von Dächern herab, und wenn sie die Straßen überqueren, dann tun sie das mit einem Selbstbewusstsein, das dem heiliger Kühe in Indien in nichts nachsteht. Bisweilen dringt ein "Mäh" sogar hinter den Mauern von Kasernen hervor.

Nur einmal im Jahr wird es in den Straßen gespenstisch still. Dann verstummt, kurz vor der Mittagszeit, das Blöken aus Abertausenden Schafskehlen. Nächste Woche wird es wieder so weit sein. Denn dann feiert der Senegal Tabaski, das muslimische Opferfest, in arabischen Ländern auch als Eid al-Adha, in der Türkei als Bayram bekannt. Zur Feier des Tages schlachtet jede Familie an diesem Tag ein Opfertier, im Senegal ist es ein Schaf.

Doch soll es hier nicht um den Tod gehen, sondern um das Leben. Denn im Senegal, dem westlichsten Land des afrikanischen Kontinents, ist das Schaf eine regelrechte Leidenschaft. Der Bäcker, die Schneiderin, der Mechaniker, der Wunderheiler, der Politiker, sie alle teilen ein Gesprächsthema: die Aufzucht von Schafen. Das Schaf spendet seinen Haltern Trost und Nahrung, es ist Opfer-, Haus- und Schutztier, mal Hobby, mal Bankkonto und Statussymbol. Und manchmal macht es sogar Politik. Doch dazu später.

In vielen Ländern bevölkert das Schaf Weiden und Bauernhöfe. Im Senegal hat es die Städte erobert, allen voran die Hauptstadt Dakar. Manche sehen in der Schafzucht gar das "geheime Leben" dieser Stadt. Wer dem Geheimnis nachgeht, der lernt manches über das Land und die Leute.

Da ist etwa Mamadou, ein Kioskbesitzer, der bitterlich weinte, als das Schaf, das er vor seinem Laden an einem Pflock hielt, an einer Krankheit verendete. Da ist der wohlhabende Geschäftsmann Alemassamba Ndiaye, der seiner Schafsschar eine Villa gebaut hat, ein mehrstöckiges Haus mit glänzenden Kacheln, in der neben den Schafen auch Ziegen und seltene Vögel leben. Ndiaye, der sein Geld mit Handel und Immobilien verdient, hat seinen WhatsApp-Status mit "Im Schafstall" angegeben. Er sagt: "Der Schafstall ist mein Empfangs- und Wohnzimmer. Die Schafe ersetzen mir den Fernseher."

Da ist Rokhaya Gueye, 84, die am Strand von Ngor Schafe und Pelikane – Letztere zum Vergnügen – hält, zwei Arten, die es gut miteinander aushielten. "Schlafen die Schafe, machen es sich die Pelikane auf ihren Rücken gemütlich." Gueye hat drei Kinder, ungezählte Enkel und noch viel mehr Schafe aufgezogen. Ihre Tiere verkaufe sie nicht, sagt sie, außer sie brauche Geld für einen Notfall. "Sie sind eine Art Bankkonto für schlechte Zeiten." Während sie erzählt, zerkleinert sie den Karton, den sie ihren Tieren gleich vermischt mit Erdnusskraut kredenzen wird. Viele Schafhalter füttern ihren Tieren Karton bei, das spart Futter. Alle Arten von Pappe sind daher heiß begehrt. Das stellte ich erstaunt fest, als ich vor einem Jahr in den Senegal zog und sich die Nachbarn um meine leeren Umzugskisten rissen.

Und da ist schließlich Papa Demba Fall, Soziologieprofessor, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Migration, aber auch: ein passionierter Schafhalter. Er hat seinen Schafen und Ziegen – er besitzt Exemplare aus der ganzen Region – ein eigenes mehrstöckiges Haus gebaut und beschäftigt eine Haushaltshilfe eigens für seine Tiere. Fall hat eine Studie zur urbanen Schafzucht verfasst. Schon lange bevor der Islam den Senegal erreichte, hielten die Menschen Schafe zu Hause, sagt Fall. Bevorzugt weiße. "Das weiße Schaf war ein Schutztier, das eine therapeutische und soziale Funktion erfüllte", sagt Fall. "Man sagt: Was dem Tier widerfährt, wird auch der Familie geschehen." Für Fall persönlich erfüllen seine Schafe noch eine weitere Funktion: Im ersten Stock seines Schafshauses hat er sich ein Büro eingerichtet. Hierher zieht er sich zurück, um seine wissenschaftlichen Studien zu verfassen. Das leise Blöken sei ihm Inspiration.

Doch Dakar wäre nicht Dakar, eine der stolzesten Städte Westafrikas, berühmt für ihre geschickten Schneider, in den Nachbarländern berüchtigt für ihre Überheblichkeit, wenn es ihren Bewohnern nicht auch in Sachen Schaf darum ginge, zu zeigen, was sie haben. "Wir sind Snobs", sagt Fall. Und so wird das Schaf für jene, die es sich leisten können, zum Statussymbol. Reiche Halter wie Herr Ndiaye mit seinem Schafpalast präsentieren ihre Tiere Geschäftspartnern und Konkurrenten. Der Schafstall wird ihnen zum Salon, in dem man Geschäfte bespricht, so wie andernorts auf dem Golfplatz. Erlesene Tiere macht man Ministern, Geistlichen, Gönnern zum Geschenk. Es gibt Züchter und Tierärzte der Hautevolee, bei denen sich die Reichsten und Wichtigsten der Republik einfinden. Und vor Tabaski wird die Schafstory zur Homestory: Nachrichtenportale zeigen Stars und Politiker beim Schafkauf. Gleich mehrere Züchter behaupten, die First Lady habe ihr Schaf im vergangenen Jahr bei ihnen gekauft. Könnte ja den Absatz steigern.