Mit Kiez – Seite 1

Im Moment leben. Nicht an morgen denken. Das Hier und Jetzt genießen. Bla, bla, bla. Unzählige Romane und Filme sind schon am Anspruch gescheitert, das jugendlich-schnelle Leben im Großstadtmilieu einzufangen.

Die großen Gesten gerinnen dann leicht zu Klischees und Floskeln. Zum Repertoire gehören auf jeden Fall cool hingeraunzte Sätze, Aussteiger, die mit sich selbst hadern, Kleinkriminelle mit griffigen Spitznamen und, natürlich, eine Lovestory. Es kann verdammt viel schiefgehen, wenn man das Lebensgefühl verlorener Mittzwanziger darstellen will, die viel feiern, viel lieben und viele Probleme haben. Spielt das Ganze dann auch noch in Hamburg, ist die Kiez-Kitsch-Falle so groß, dass man nur zwei Möglichkeiten hat. Drum herumtänzeln – oder voll hineinspringen.

Tino Hanekamp entschied sich für den inszenatorischen Sprung, einen Sprung mit Anlauf, das war das Geheimnis seines Buches So was von da, das 2011 erschien und sich in etwa so zusammenfassen lässt: Ein junger Typ ist zu blöd, die große Liebe zu erkennen, selbst wenn sie vor ihm steht. Stattdessen macht er einen Club auf (natürlich auf der Reeperbahn), der dann aber geschlossen werden muss, was in einer letzten großen Party endet, die auch noch an Silvester stattfindet.

Hanekamp, der selbst den Club Weltbühne in Hamburg eröffnet hatte und danach das Uebel & Gefährlich mitgründete, sparte nichts aus: die auf die Nerven gehende Lässigkeit der Sprache, das Jugendvokabular, den Kiez-Kalle, der Schutzgeld eintreibt, Rocker, Alkohol und viele Drogen. Aber unter all den Genre-Standards verbarg sich eine große, subtile Traurigkeit. Nina hat Krebs. Rockys Vater hat ein ernsthaftes Problem. Und Oskar, der Ich-Erzähler, der selbstbezogene Idiot, hat so große Angst vor dem Leben, dass er es irgendwann nicht mehr überspielen kann.

Dass nun ausgerechnet Jakob Lass diese Geschichte verfilmt hat, ergibt auf allen Ebenen Sinn. Lass ist einer der wenigen Regisseure, denen man nachsagt, dass sie das deutsche Kino aufmischen können. Sein Film Love Steaks lief 2013: Low Budget, dafür große Wirkung. Lass ließ den Film in einem echten Hotel spielen, mit echten Mitarbeitern, nur die Protagonisten waren hauptberufliche Schauspieler.

Authentizitätsdosis ziemlich hoch

Das Drehbuch war kaum mehr als eine Skizze, die meisten Dialoge wurden vor der Kamera improvisiert. Lass kreierte so eine faszinierende, fast schon unheimliche Dringlichkeit. 2017 folgte Tiger Girl, ein Film über zwei wütende junge Frauen, die mit Baseballschlägern durch Berlin ziehen.

Und jetzt also So was von da. Eine Nacht, ein Ort, ein klar umrissenes Setting. Exzellente Schauspieler als Akteure. Da sind zum einen Stars wie Bela B (der alte Rocker) oder Corinna Harfouch (die gemeine Innensenatorin und Frau des Rockers).

Die Entdeckungen des Films aber sind Niklas Bruhn (der Ich-Erzähler Oskar) und Tinka Fürst (Matilda). Oskar und Matilda haben so hinreißend Schwierigkeiten, ihre Liebe zu erkennen, dass es schmerzt. Ihre Dialoge führen nirgendwohin, wie es eben manchmal ist im echten Leben.

Das Pathos, mit dem Hanekamp seinen Roman beschwert hatte, wird im Film gebrochen. Wenn Oskar in der Buchfassung in Selbstmitleid versinkt und Leonard Cohen zitiert, ist das schon hart an der Schmerzgrenze. Im Film lässt Lass seinen Oskar über die Straße gehen, gerade hat ihm Kiez-Kalle die Wohnungstür eingetreten, aus dem Off hört man seine Stimme: "Meine Tür ist so kaputt wie meine Seele." Dann, zack, wird er beinahe vom Auto überfahren, der Gedankenstrom wird vom Einbruch der Realität gestört.

Der abgenutzte Begriff Authentizität – hier passt er dann doch. Die Authentizitätsdosis ist sogar ziemlich hoch. Lass hat auch bei So was von da an echten Orten gedreht, in einem Club mit echten Menschen, die betrunken sind und tanzen, improvisierte Szenen. Das Drehbuch nennt Lass konsequenterweise "Skelettbuch". Das könnte alles sehr schnell sehr bemüht und am Ende fade wirken, ein aus Klischees zusammengefügtes Theater des Hedonismus. Ist es aber nicht, weil die Traurigkeit, die bei Hanekamp schon angelegt ist, durch die filmischen Mittel noch stärker zutage tritt.

"So was von da" läuft ab 16. August in deutschen Kinos an.