Wovon die Jugend Afrikas träumt, kann man am Strand von Ceuta erfahren. Überall in der spanischen Exklave an der marokkanischen Küste trifft man junge Männer aus dem Senegal, aus Guinea, von der Elfenbeinküste, aus Mali, aus Algerien, aus Tunesien, aus Togo, aus dem Kongo.

Der eine sagt, er sei Boxer und wolle international Karriere machen. Der andere erzählt, er sei Musiker und wolle große Säle in Europa füllen. Viele sagen einfach, sie seien Studenten und würden gern ihr Studium in Spanien, Frankreich, Schweden oder Deutschland fortsetzen. Aber eines eint alle diese jungen Männer: Sie wollen auf die andere Seite des Mittelmeeres, das hier nur gut 20 Kilometer breit ist, sie wollen auf das spanische Festland. Das liegt da im Dunst, hinter den Wellen, scheinbar so nah. Europa, ein Traum.

Leicht wird es nicht, hinüberzukommen, das wissen die jungen Männer, doch auch die Müdesten unter ihnen sind voller Hoffnung. Sie haben ja schon viel auf sich genommen. Nahezu täglich landen dieser Tage pateras an Spaniens Südküste, kleine Menschenhändlerboote, mal sitzen zehn Leute darin, mal dreißig. Die pateras haben von Küstenstreifen außerhalb der Exklave abgelegt. Doch solche Nachrichten nähren auch die Hoffnung bei den jungen Afrikanern, die es bereits nach Ceuta und damit in die EU geschafft haben, dass sie ebenfalls irgendwann aufs spanische Festland kommen. Diese Zuversicht ist ihnen nicht zu nehmen. Doch was des einen Hoffnung ist, das ist des anderen Angst.

Spanien ist eines der wenigen Länder Europas, das bislang vom Rechtspopulismus weithin verschont geblieben ist. Doch die große Frage dieser Tage lautet: Wie lange noch, wenn die Migrantenzahlen steigen sollten? Und sie steigen, wenn auch bisher auf niedrigem Niveau.

Im Jahr 2017 kamen in Spanien insgesamt etwas mehr als 20.000 Flüchtlinge und Migranten an, in den ersten sieben Monaten des Jahres 2018 sind es bereits über 21.000. Das ist immer noch weit entfernt von der Zahl der Menschen, die in den letzten Jahren über das Meer nach Italien flohen; zwischen 2013 und 2018 waren es insgesamt rund 700.000. Angesichts dieses Vergleiches könnten die Spanier beruhigt sein.

Doch so wichtig Zahlen sind, Migration ist immer auch eine Frage der Wahrnehmung und der politischen Deutung. Handelt es sich um eine verkraftbare Zuwanderung? Oder geschieht da etwas Unkontrollierbares?

Ende Juli stürmten rund 600 Migranten den sechs Meter hohen Doppelzaun von Ceuta, der die spanische Exklave von Marokko trennt. Sie setzten dabei Brandkalk und improvisierte Flammenwerfer ein. Ein Dutzend spanische Grenzpolizisten wurde verletzt. Am Tag darauf sprangen Migranten unter den Augen verdutzter Touristen am Badestrand von Tarifa vom Wasser auf das spanische Festland und rannten in ein nahe gelegenes Wäldchen. Sie waren mit einer patera über die gefährliche Meerenge gekommen.

Die Flüchtlingskrise ist wie ein gewaltiger Suchscheinwerfer, der über Europa wandert. Wohin auch immer sich die Migrantenrouten verlagern, dorthin fällt ein grelles Licht. Es durchleuchtet die Ankunftsländer, zeigt die Stärken und Schwächen ihrer Institutionen, die blinden Flecken einer Gesellschaft, konfrontiert sie mit bohrenden Fragen. Jetzt ist Spanien in dieses gleißende Licht geraten.