Genau 25 Jahre ist es her, dass ein Landmaschinenhändler aus Schleswig-Holstein aufbrach, um sich einen senfgelb leuchtenden Traum aus Plastikplanen zu erfüllen, inmitten Berlins, auf dem Marx-Engels-Platz, wie er damals hieß. Es war nur Kulissenzauber, und doch gelang es Wilhelm von Boddien, mit den paar aufgemalten Barockfassaden die wohl längste, zähste, windungsreichste Debatte der Nachkriegsdeutschen anzustiften. Das Thema: Braucht die Republik ein Schloss?

Dabei ging es natürlich um das Eigenbild der neu vereinten Nation, darum, ob sie zurückkehren wolle zum symbolischen Großgetue der Vorkriegszeit und ob es wirklich nötig sei, "dem Volke etwas für die Seele zu geben" (wie Bundeskanzler Schröder meinte). Unzählige Kommissionen, Jurys, Ausschüsse wurden berufen, und das galt damals als sicheres Indiz dafür, dass die barocke Residenz – im Zweiten Weltkrieg beschädigt (eher glimpflich), dann von DDR-Bonzen abgeräumt (entschieden gründlich) – genau das bleiben würde, was sie war: verschwunden. Heute allerdings, gut 600 Millionen Euro später, ist es tatsächlich so weit. Der Kunststofftraum von einst wird Wirklichkeit. Das Schloss ist zurück und leuchtet zart hinein in den späten August.

Gerade mal fünf Jahre sind seit der Grundsteinlegung vergangen, ohne Brandschutzklappengezeter, ohne Tragwerksskandale. Den Architekten wollte es noch nicht mal gelingen, den Budget- und Terminplan wie üblich horrend zu torpedieren. Eine Glanz- und Wundertat ist dieses Schloss, zumindest in dieser Hinsicht. Und alles deutet darauf hin, dass es so zügig weitergeht: Die Werbebanner an den Fassaden sind bereits verschwunden, die ersten Gerüste gefallen, und schon in dieser Woche sollen die Portale der Nordfassade erstmals frei zu sehen sein.

Bis zum Ende des Sommers, heißt es, wird außen so gut wie alles fertig vergoldet, verputzt, gestrichen und von Baugerüsten befreit sein. Selbst der große Innenhof, benannt nach dem Architekten Andreas Schlüter, lässt sich dann weitgehend unverstellt besichtigen. Die ersten Museumsräume können bezogen werden, die Fußböden perlen bereits in samtigem Weiß. Im September kommen die Vitrinen.

Bis zur Eröffnung wird es indes noch etwas dauern, geplant ist der November 2019. Noch ist das Schloss eine Baustelle, umstellt von Silos, Containern, schwerem Gerät und der Infobox, die erst im Januar verschwindet. Dennoch lässt sich schon bestens darüber streiten, ob das Wagnis aufgegangen ist: Verströmt der deutsche Staatspalast den Anmutszauber der Geschichte, den sich viele erhoffen? Oder ist es bloß disneyhafter Mummenschanz, wie andere meinten? Und wie verträgt sich das barocke Schmuckwerk mit jenen Trakten, die auf betonmoderne Weise gestaltet wurden?

Nie war diese Residenz ein Bauwerk des allgemeinen Wohlgefallens. Schon als im 15. Jahrhundert die Zwing Cölln entstand, als erster zitadellenartiger Amtssitz der Hohenzollern, regten sich wutbürgerhafte Proteste, die als "Berliner Unwillen" in die Geschichte eingingen. Später waren es dann die üppig-barocken Fassaden, die skeptisch beäugt wurden, auch von weit gereisten Kunsthistorikern. Sie bemängelten den "altertümlich gewaltigen Barockstil" oder diagnostizierten: "das "architektonische Detail ist nicht ohne Härten, ja Fehler". Andere erkannten im Hohenzollernpalast ein "mächtiges Wollen, dem aber das tatsächliches Können nicht überall entspricht".

Ja, es stimmt, da ist viel Wollen, dieses Schloss verhehlt seine Masse nicht. Mögen andere Barockpalais mit Türmen und Türmchen, geschwungenen Dächern und fein gegliederten Seitenflügeln den Eindruck erwecken, wahre Herrschaft gründe in ausufernder Gelassenheit, scheint in Berlin noch die einstige Zwingburg durch, eine kantige Wehrhaftigkeit. Allerdings wird man das kaum Andreas Schlüter, dem Architekten, anlasten können. Eher schon seinem Bauherrn, der um 1700 nicht länger Kurfürst, sondern endlich König sein wollte und deshalb ein Schloss errichten ließ, das die Konkurrenz, die Welfen, Wittelsbacher oder Wettiner, und darüber hinaus auch die internationale Szenerie beeindrucken sollte. Allerdings mochten er und sein Hofstaat die gewohnten Gemächer nicht missen, und so war Schlüter gehalten, schonend etwas Neues um das Alte zu wickeln, als extravaganten Sichtschutz sozusagen.

Doch was für einen Sichtschutz! Schlüter ließ sich von italienischen, auch polnischen, natürlich französischen Vorbildern anregen, und weil er nicht nur Architekt, sondern auch Bildhauer war, setzte er alles daran, die unvermeidliche Kistenhaftigkeit der Berliner Residenz mit den erstaunlichsten Girlanden, Friesen, Wappen, mit unzähligen Adlern, Widdern, Löwen zu überspielen und vor allem die Portale festlich auszuschmücken.

Das meiste davon musste nun aufwendig nachgeformt werden, nur wenige Originale hatten die Zerstörung überlebt. Als Fragmente sprenkeln sie die Fassaden, der Rest sieht sehr neu, sehr resch aus: das Gold allzu goldig, der Warthauer Sandstein makellos. Die Gewordenheit des Schlosses, seine Patina, lässt sich nicht erzwingen. Es wird ein paar verdieselte Winter brauchen, um das Schloss anständig einzugrauen.

Und doch, wenn es überhaupt geglückte Rekonstruktionen gibt, dann ist diese hier eine davon. Anders als bei den Repliken in Braunschweig, Frankfurt oder Potsdam, wo das Alte nur wie ein dünner Firnis wirkt, unter dem ein gegenwartsmüdes Jetzt durchschimmert, haben die Berliner nichts unversucht gelassen, das raffinierte Ineinander von Konstruktion und Ornament stimmig nachzubilden. Besonders eindrucksvoll gelingt das im großen Innenhof. Hier, im Geschlossenen, inszenierte Schlüter eine Architektur der Öffnung, vor der nichts sicher scheint: Die Wände treten zurück, ihre Schwere weicht dem gelösten Spiel der Säulen und Pilaster, der weiten Fenster und tiefen Laubengänge. Ähnlich die Ornamente, die sich mit kuriosen Schlenkern und Falten selbst zu entwerfen scheinen, spottend über jede klassisch-erstarrte Fassadenhierarchie. Bei Schlüter berauscht sich die Form an der Form, fern von dienender Zeichenhaftigkeit. Selbst martialische Motive (Helme oder Keulen) verlieren im fröhlichen Formengewirr ihren tieferen Sinn.