Genau acht Jahre nach Deutschland schafft sich ab erscheint von Thilo Sarrazin Ende des Monats mal wieder ein neues Buch. Schon der Titel verheißt eine Verschärfung der Debatte: Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht. Und natürlich erzeugt das Buch schon vor der Veröffentlichung eine verkaufsförderliche Unruhe, wie sie sich ein Autor nur wünschen kann. SPD-Politiker wie Sigmar Gabriel oder Ralf Stegner brachten vergangenes Wochenende wie bestellt einen Parteiausschluss ins Spiel, obwohl die bisherigen Versuche, Sarrazin aus der SPD zu werfen, gescheitert waren. Mehr als der Titel und die Ankündigung des Verlags dürfte den Politikern da kaum bekannt gewesen sein. Es heißt im Verlagstext zum Inhalt des Werkes nicht zwingend überraschend: "Unsere Kultur und Gesellschaft lassen sich nur schützen, indem die weitere Einwanderung von Muslimen gestoppt und die Integration der bei uns lebenden Muslime mit robusten Mitteln vorangetrieben wird."

Und dann noch dieser etwas kuriose Rechtsstreit. Man muss wissen, dass Sarrazins bisheriger Verlag, die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), es ablehnte, Sarrazins Buch zu drucken. Sarrazin, der das Manuskript zum vereinbarten Thema pünktlich abgegeben hatte, verklagte daraufhin den Buchkonzern Random House, zu dem die DVA gehört, und verlangt nun über 800.000 Euro wegen Rufschädigung und entgangenen Gewinns. Das Landgericht München regte jüngst einen Vergleich an, der Ausgang ist ungewiss. Aber es ist ja nicht so, als müssten all die besorgten Bürger auf das neue Werk verzichten. Es erscheint im Finanzbuch-Verlag, der zur Bonnier-Gruppe gehört – gleichfalls ein großer Buchkonzern, zu dem unter anderem auch die Verlage Piper und Ullstein gehören.

Wie wörtlich darf der Koran gelesen und auf die Politik angewendet werden?

Der ganze Vorgang ist ziemlich erklärungsbedürftig. Immerhin hatte sich Random House mit Deutschland schafft sich ab einen der größten Sachbucherfolge der letzten Jahrzehnte eingehandelt und noch drei weitere Bücher von Thilo Sarrazin herausgebracht. Von allzu großen moralischen Skrupeln schien man über lange Zeit nicht geplagt gewesen zu sein. Was soll an Feindliche Übernahme skandalöser sein als an Deutschland schafft sich ab? Damals war für einen Verlag ja der größtmögliche Ernstfall bereits eingetreten, hatte man doch ein Buch veröffentlicht, in dem nicht etwa nur die deutsche Einwanderungspolitik und eine wachsende Unterschicht beklagt werden. Das allein hätte kaum ein deutschlandweites Beben verursacht. In seinem glühenden Kern werden in Deutschland schafft sich ab allerdings Überlegungen angestrengt, ob nicht "bei unterschiedlicher Fruchtbarkeit von Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Intelligenz eugenische oder dysgenische Effekte auftreten können". Erst Sarrazins erbbiologische Ausführungen – etwa über die "lange Tradition von Inzucht" und den entsprechend vielen "Behinderungen unter den türkischen und kurdischen Migranten" – gab der Debatte den besonders dramatischen Schwung. Sarrazin verlor sein Amt im Vorstand der Deutschen Bundesbank und verlegte sich ganz auf das Bücherschreiben.

In der Neumarkter Straße in München-Berg am Laim steht ein gläserner, nicht uneleganter Neubau. Hier sitzt in seinem Büro Sarrazins Ex-Verleger Thomas Rathnow und versucht zu erklären, wie es zum Bruch mit seinem so lukrativen Autor gekommen ist. Rathnow, Mitte fünfzig, ist ein um seriöse Würde bedachter Mensch. Er spricht langsam, mit erkennbarem Willen zu skrupulöser Abwägung. Ob er das neue Sarrazin-Buch charakterisieren könne? Zumindest die Fassung, die er abgelehnt habe?

Sarrazin, erklärt Rathnow, "vollzieht eine wortwörtliche Lektüre des Korans. Aus der Lektüre versucht er, eine Art Kernmentalität des Muslims zu rekonstruieren und ihre Wirkung auf muslimische Kulturräume und auf Zuwanderungsprobleme zu ermessen. Hier ist eine religionsdeterministische Perspektive am Werk. Jemandem mit einer korangeprägten Mentalität wird kaum eine individuelle Entfaltung zugestanden." Es werde das Bild eines Islams entworfen, der "einer Geißel der Menschheit gleichkommt. Man darf dann natürlich keine Muslime mehr ins Land lassen. Aus Sarrazins Perspektive ist das logisch konsequent." Derartiges habe er nicht verlegen wollen, sondern für eine "politisch konstruktivere Fokussierung" plädiert. "Es ist immer problematisch", sagt Rathnow, "ein argumentativ schwaches Buch zu publizieren. Ein Buch mit argumentativen Schwächen zu einem Thema zu veröffentlichen, das politisch so aufgeladen ist, ist noch problematischer. So könnten antimuslimische Ressentiments verstärkt werden."

Nun muss dies, bedenkt man die Veröffentlichung von Deutschland schafft sich ab, eine eher neu erwachte Sorge sein. Wo rührt die plötzliche Sensibilität her? Den Herbst 2010, erinnert sich Rathnow, habe man "gut zusammen durchgestanden. Die damalige Desavouierung von Sarrazins Person empfand ich als falsch, auch als politisch falsch." Immer habe er sich als Verleger "bei Pressekonferenzen hingestellt und gesagt: Ich verstehe, dass das umstritten ist. Aber die Debatte ist fruchtbar und gut. Das waren immer Plädoyers für eine Versachlichung. Das wäre mir bei diesem Buch aber nicht mehr möglich gewesen." Er habe eine "umfassende Überarbeitung" angeregt, was den Veröffentlichungstermin nach hinten verschoben hätte. Das sei Sarrazin aber nicht recht gewesen.