Wenn Kinder im amerikanischen Süden Mississippi buchstabieren sollen, lernen sie diesen Merkspruch: "M I crooked letter crooked letter I crooked letter crooked letter I humpback humpback I." Wenn Schüler in Baden-Württemberg in Englisch Abitur machen, lesen sie Tom Franklins Crooked Letter, Crooked Letter im Original. Im Titel Krumme Type, krumme Type greift Übersetzer Nikolaus Stingl kongenial deutschen Doppelsinn auf. Denn um zwei Typen, die im Bundesstaat Mississippi krumm geboren und krumm gemacht wurden, geht es in diesem superfeinen Stück Kriminalliteratur.

Tolle amerikanische Bücher handeln ja erstaunlich oft von kleinen Jungen. Fünf Generationen nach Huckleberry Finn und Tom Sawyer treffen Anfang der Achtzigerjahre in dem Kaff Amos ein weißer und ein schwarzer Bub aufeinander. Der weiße, Larry Ott, ist pummelig, liest unentwegt Bücher und sitzt im Auto seines Vaters, dem eine Autowerkstatt und 500 Morgen Wald und Farmland gehören. Der schwarze, Silas Jones, steht mit seiner Mutter zähneklappernd am Straßenrand und darf, Daddy Ott ist gnädig, mit in die Stadt fahren. Spätestens als Larrys Mutter an einem anderen Tag den beiden Schwarzen zwei abgetragene Winterjacken in die Hand drückt, statt sie im Auto mitzunehmen, schwant Larry die Art des Familiengeheimnisses, das niemand aussprechen wird.

Wie eine finstere Wolke liegt das Schweigen über den Figuren von Franklins Roman. Darin nimmt es alle Schattierungen an, über die Zeiten hinweg: Schweigen aus Rücksichtnahme, aus Angst vor Blamage, aus Nichtwissen. Und vor allem das Schweigen, hinter dem sich die verstecken, die genau zu wissen glauben, was los ist. 1982 war die fünfzehnjährige Cindy Walker spurlos verschwunden, und Larry, der sie als Letzter gesehen hatte, gilt, obwohl man ihm nichts nachweisen konnte, als ihr Entführer und Mörder. Und 2007 ist wieder ein Mädchen entführt worden, und "Scary Larry" wird es wieder gewesen sein. Bevor die Polizei den Verdacht erhärten kann, schießt ihm jemand ein Loch in die Brust. Während Larry im Koma liegt, sucht Silas, inzwischen Constable in Amos, Täterspuren und Spuren in der Vergangenheit. Erinnert sich an den kurzen Sommer, als die beiden Jungen beinahe Freunde wurden, wären nicht die alten Männer dazwischengegangen. Kämpft mit seinem eigenen Schweigen, seiner Schuld. Der Roman spielt 2007, schon lange gehen weiße und schwarze Kinder gemeinsam in die Schule, und doch liegen Armut und Hochmut, Verzweiflung und Hass wie eine dunkle Wolke über Mississippi. Tom Franklins Krumme Type, krumme Type ist große Literatur. Punkt.

Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl; Pulp Master; Berlin 2018; 416 S., 15,80 €