Wird Gott um Hilfe angerufen, ist die Lage in aller Regel ernst. Insofern kommt es einem Akt der Verzweiflung gleich, wenn der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan seine Landsleute nun wissen lässt, sie brauchten sich keine Sorgen zu machen, weil "unser Gott" bei ihnen sei und sie beschütze.

Der göttliche Einfluss auf die Wechselkurse scheint allerdings begrenzt zu sein. Die türkische Lira jedenfalls eilt von Rekordtief zu Rekordtief. Seit Jahresbeginn hat sie gegenüber dem amerikanischen Dollar 40 Prozent an Wert verloren. Der türkischen Wirtschaft droht der Absturz. An den Finanzmärkten wächst die Furcht, dass die Krise auf andere Länder übergreifen könnte.

Auf einmal geht es sogar um die Zukunft von Erdoğan selbst, der nach den gewonnenen Präsidentschaftswahlen im Juni auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen zu sein schien. Nun streitet sich Erdoğan öffentlich mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, dessen Strafmaßnahmen gegen das Land die Finanzmärkte erst so richtig aufgerüttelt haben. Und so wird die Krise auch zum Zweikampf zwischen einem halbwegs demokratisch legitimierten Politiker und internationalen Währungsspekulanten, die auf einen weiteren Verfall der Lira wetten. Nur dass die Rollenverteilung in diesem Fall eine ganz andere sein könnte als üblich. Denn was, wenn der Schurke diesmal nicht der Spekulant ist – sondern der Politiker?

Vom Ausgang der Auseinandersetzung hängt aus deutscher Sicht viel ab. Die Türkei ist Mitglied in der Nato. Das Flüchtlingsabkommen der EU mit dem Land hat entscheidend dazu beigetragen, dass weniger Flüchtlinge nach Europa kommen. Erdoğans Probleme sind deshalb auch Merkels Probleme.

Bislang versucht der türkische Präsident noch, sich mit einer bewährten Methode aus der Affäre zu ziehen. Er redet. Überall. Jeden Tag. Er wettert und wütet gegen die "Zinslobby", gegen Amerika, gegen eine zionistische Verschwörung. Solche Hasstiraden verhindern zwar nicht den wirtschaftlichen Verfall, sollen aber jede Kritik an seinem Kurs zum Verstummen bringen. Und da Antiamerikanismus in Anatolien seit je gut ankommt, nehmen viele Türken Erdoğan seine Version der Ereignisse ab.

Sollte einer das nicht tun, steht die Staatsanwaltschaft bereit. Sie ermittelt gegen Bürger, die sich auf sozialen Kanälen oder in den Medien besorgt oder negativ über die Wirtschaftsentwicklung äußern. Die türkischen Staatsmedien berichten kaum über die Krise. Zu ihren Helden werden Geschäftsmänner wie ein Händler aus der ostanatolischen Großstadt Diyarbakır, der öffentlich ein dickes Bündel 100-Dollar-Scheine verbrannte.

Bei all dem Irrsinn wirkt die Erinnerung daran fast surreal, dass Erdoğan einst ein überaus pragmatischer Wirtschaftspolitiker war. Er kam selbst in einer schweren Wirtschaftskrise an die Regierung und setzte den Sanierungskurs seines Vorgängers fort. Mit Erfolg: Innerhalb von zehn Jahren verdreifachte sich das Einkommen der Türken, die Inflationsrate ging zurück, das Land wurde zu einer erfolgreichen Exportnation.

Die Probleme begannen, als Erdoğans Herrschaftsstil vor sieben Jahren autoritärer wurde. Damals fing er an, krude Theorien zu verbreiten. Er argumentierte zum Beispiel, dass nur niedrige Zinsen die Inflation eindämmen würden – nach Ansicht fast aller Ökonomen ist es genau andersherum: Hohe Zinsen dämpfen die Teuerung. Damals begann auch die gnadenlose Jagd auf Andersdenkende und auf die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen. Zehntausende Beamte und Unternehmer sind seitdem verhaftet, ruiniert oder vertrieben worden. Und mit dem erfahrenen und erst kürzlich ins Abseits geschobenen Vizepremier Mehmet Şimşek ist der letzte Garant einer rationalen Wirtschaftspolitik aus der Machtelite in Ankara verschwunden.