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"Washington muss sich der Tatsache stellen, dass die Türkei Alternativen hat. Gelingt es nicht, diesen Trend (...) der Respektlosigkeit umzukehren, müssen wir uns auf die Suche nach neuen Freunden und Verbündeten machen." Diese beiden Sätze aus dem Gastbeitrag des türkischen Präsidenten Erdoğan in der New York Times letzte Woche enthalten zwei wichtige Botschaften:

Erstens, wir können aus dem Westbündnis aussteigen.

Zweitens, wir haben Alternativen.

Diese Zeilen sind mit der von Regierungsseite verbreiteten Wahrnehmung, die USA hätten der Türkei den Wirtschaftskrieg erklärt, und der antiamerikanischen Stimmung, in der öffentlich Dollarnoten verbrannt werden, gemeinsam zu lesen.

Als Erdoğan den US-Pastor Brunson, der seit 22 Monaten in der Türkei als Geisel festgehalten wird, zum Trumpf im Austauschpoker mit Washington machte, ahnte er wohl kaum, dass die Sache derart eskalieren würde. Doch auch im Weißen Haus sitzt ein Mann mit großem Ego, sodass die Krise sich rasant zuspitzte, als die USA Strafmaßnahmen wegen Brunson beschlossen. Die seit Monaten kriselnde türkische Wirtschaft brach ein, die türkische Lira stürzte ab.

Vorerst scheint es Erdoğan gelungen, die durch Häufung eigener Fehler ausgelöste Krise als "Komplott der USA" zu verkaufen und die Proteste von sich auf Trump umzulenken. Reißen aber die Bande zum Westen, ist es wenig wahrscheinlich, dass "neue Freunde" das entstehende Vakuum füllen.

Dennoch sei das beschriebene Szenario um folgende Entwicklungen ergänzt: Russland, wo die Türkei S-400-Raketen kaufen will und gemeinsame Energieprojekte unterhält, erklärte sich bereit, die Visumspflicht für Türken aufzuheben. Schatz- und Finanzminister Berat Albayrak verkündete, von seinem China-Besuch mit einem Kreditpaket in Höhe von 3,6 Milliarden Dollar heimgekehrt zu sein. Der iranische Außenminister kritisierte die US-Sanktionen und signalisierte, man stehe an der Seite der Türkei.

"Mit Ländern wie dem Iran, Russland und China, wo unser größtes Handelsvolumen liegt, sind wir dabei und wickeln den Handel demnächst in unseren Nationalwährungen ab", sagte Erdoğan.

Daraus ergibt sich das Bild einer Türkei, die ihren hundertjährigen Marsch nach Westen beendet und auf der Achse Russland – Iran – China auf Partnersuche geht. Ist das tatsächlich eine Suche oder ein neuer Bluff? Erdoğans Gedanken zu lesen ist schwierig. Auch wenn es in Syrien Interessenskonflikte mit Russland gibt, fühlt er sich am Tisch von Wladimir Putin, Xi Jinping und Hassan Ruhani zweifellos wohler.

Allerdings stammen über drei Viertel aller Direktinvestitionen in der Türkei aus dem Westen. Auf Platz eins der Importländer stand im letzten Jahr China, gleich dahinter folgte Deutschland. Beim Export steht – mit Abstand – Deutschland ganz vorn. Das macht Deutschland zum wichtigsten Anker für die Westbindung der Türkei. Auch in dieser Hinsicht ist Erdoğans Berlin-Besuch im September von historischer Bedeutung.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe