"Alles hat seine Zeit", stöhnt der Mann in der U-Bahn und träumt vom Garten, vom Meer oder vom Schatten seines Lieblingsbergs morgens um fünf. "Erster Arbeitstag", wirft er ungefragt hinterher. Geht mir auch so. Nachbar weiß, dass er die Bibel zitiert? "Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; ausreißen und gepflanzt werden hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. Steine werfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit. Suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit." Ja, dieses Gedicht steht wirklich in der Bibel. Das Buch, dessen Titel Prediger eher Missverständnisse auslöst, ist voller Alltags-, Montags- und Ferienendweisheiten, poetisch und praktisch zugleich. Es lotet die ganze Brutalität und die Schönheit des Endens und Neubeginns aus, die Bedrohung durch und die Sehnsucht nach so manchem Ende. Für manche ist das Ende noch weit.

Andere empfangen den Spätsommerblues wie eine seelische Jahreszeit, die nicht mit dem Wetter oder dem Kirchenjahr übereinstimmen muss. Miesepetrig, achselzuckend oder auch frisch erholt und voller Lust auf das Neue, das es anzupacken gilt. Wie Kinder, die zum neuen Schuljahr entweder erwartungsfroh über das leere Heft ohne Eselsohren streichen oder vor dem inneren Auge schon die roten Lehrerkommentare sehen. Alles hat seine Zeit.

Auf die Urlaubsfotos muss heute ja niemand mehr warten. Auf dem Mobilen sind die vergangenen Wochen archiviert. Zur Verklärung taugen die Bilder aber immer noch. Das biblische Überlebensgedicht des legendären Salomo hilft bei der Verklärung nicht mit. Es verbreitet aber auch kein nihilistisches Achselzucken nach dem Motto: Es kommt und geht, wie es will, wir sind dem Rhythmus des Lebens ausgeliefert. Eher schon ist es ein Gedicht gegen die eigene Selbstüberschätzung, die in die Erschöpfung führt, weil man – was verständlich ist – einfach kein Ende finden will. Sehr persönlich dichtet diese königliche Menschenseele: "Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende." Ganz schön steil, der Satz. Das klingt ein wenig nach Selbstüberredung. Aber vielleicht ist das nicht der schlechteste Anfang. "Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt, als fröhlich zu sein und sich gütlich tun an seinem Leben." Ja, das steht wirklich in der Bibel.