Die Firma Herrenknecht aus Schwanau in Baden-Württemberg ist eine dieser Perlen des deutschen Mittelstands: über eine Milliarde Euro Umsatz, knapp 5.000 Mitarbeiter. Diese stellen sogenannte Tunnelvortriebsgeräte her: Monstermaschinen aus gehärtetem Stahl, die sich durch Felsgestein und Kalkböden fräsen können. Die Maschinen von Herrenknecht waren im Einsatz, als in der Schweiz der Gotthard-Basistunnel gebaut wurde, in Doha die Metro und in London die neue U-Bahn-Linie Crossrail, die im Dezember eröffnet werden soll.

Auch im Iran sollte es eigentlich bald losgehen. Das Unternehmen wollte eine Maschine für den Bau eines Autobahntunnels liefern, etwa 20 Millionen Euro hätte es damit eingenommen. Der Vertrag sei schon "unterschriftsreif" gewesen, heißt es in Schwanau. Dann habe Vorstandschef und Unternehmensgründer Martin Herrenknecht beschlossen, die bestellte Maschine doch nicht zu liefern. Aus Angst vor möglichen Strafmaßnahmen der USA.

Der Rückzug von Herrenknecht ist ein Warnsignal für Angela Merkel. Seit Donald Trump in der vergangenen Woche Sanktionen gegen das Regime in Teheran angekündigt hat, bemüht man sich in Berlin darum, zu verhindern, dass deutsche Unternehmen ihre Geschäfte im Iran einstellen.

Die Europäische Kommission hat deshalb mit Unterstützung der Bundesregierung eine Verordnung verabschiedet, die es Firmen aus den Mitgliedsstaaten der EU explizit verbietet, die Sanktionen der USA einzuhalten. Merkels Außenminister Heiko Maas (SPD) verspricht, Unternehmen, die "legitimerweise im Iran tätig sind", zu "schützen". Und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sagt, er lasse sich "aus Washington keine Handelsbeziehungen mit anderen Ländern diktieren".

Werte der deutschen Im- und Exporte, in Milliarden Euro

Werte der deutschen Im- und Exporte, in Milliarden Euro

destatis © ZEIT-Grafik

Nun aber zeigt sich: Genau das geschieht. Eine ganze Reihe von deutschen Unternehmen haben ihre Beziehungen zu Geschäftspartnern im Iran bereits abgebrochen – und weitere dürften ihrem Beispiel folgen. Damit ist eines der wichtigsten außenpolitischen Ziele der Bundesregierung in Gefahr. Merkel will das Nuklearabkommen mit dem Iran retten, nachdem die Amerikaner es aufgekündigt haben. Dieses Abkommen sieht vor, dass die Regierung in Teheran auf Atomwaffen verzichtet. Im Gegenzug wurden die Sanktionen aufgehoben, die den Iran davor wirtschaftlich isoliert hatten. Wenn das Land aber wegen des Drucks der Amerikaner diese Isolation nicht überwinden kann, dann könnte aus iranischer Sicht die Geschäftsgrundlage für den Deal entfallen.

Dabei ist die Rechtslage eigentlich klar: Das Abkommen wurde vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in das Völkerrecht integriert, und der Iran hält sich nach Aussagen der Internationalen Atomenergiebehörde an die Auflagen des Vertrags. Auch wenn eine Partei – in diesem Fall die USA – einen internationalen Vertrag aufkündigt, gilt dieser Vertrag weiterhin. Die amerikanische Regierung darf völkerrechtlich betrachtet zwar Sanktionen gegen ihre eigenen Staatsbürger verhängen, nicht jedoch gegen Bürger und Unternehmen anderer Staaten.

Doch derlei juristische Feinheiten scheinen Donald Trump egal zu sein. Er hat ein Druckmittel, das schwerer wiegt als alle Paragrafen: das wirtschaftliche Gewicht der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie sind die weltgrößte Volkswirtschaft, die mit dem Dollar auch noch die Weltleitwährung herausgibt. Trumps Unterhändler haben in den vergangenen Tagen deutlich gemacht, dass sie nicht zögern werden, diesen wirtschaftlichen Einfluss auszuspielen und Firmen, die im Iran aktiv sind, den Zugang zum amerikanischen Markt zu versperren. Oder wie es der Präsident selbst formuliert hat: "Wer mit dem Iran Geschäfte macht, wird keine Geschäfte mit den Vereinigten Staaten machen." Konkret kann das bedeuten, dass den betroffenen Unternehmen Strafen drohen, dass sich Kunden abwenden oder dass Mitarbeiter damit rechnen müssen, festgesetzt zu werden, wenn sie in die USA einreisen.

Bei Herrenknecht will man das nicht riskieren. Und nicht nur dort. Das Maschinenbauunternehmen Dürr hat seine "Aktivitäten vorerst eingestellt", der Autohersteller Daimler will "bis auf Weiteres" nichts mehr mit dem Iran zu tun haben, und der Sportartikelhersteller Adidas hat verkündet, seinen Vertrag mit dem iranischen Fußballverband nicht zu verlängern. Die meisten Firmen sprechen über die Gründe für den Rückzug nicht gern. Sie wollen sich nicht dem Vorwurf aussetzen, dem Druck der Amerikaner nachzugeben. Das kommt bei Kunden und den Mitarbeitern nicht gut an.

In der überwiegenden Zahl der Fälle ist aber die Furcht vor Repressalien die Ursache für die Beendigung des Engagements. Es gibt auch Manager, die das offen einräumen. Man müsse im Zweifel angesichts der "ungleich höheren Interessen im US-Markt" auf das Iran-Geschäft verzichten, sagt Joachim Wenning, Vorstandschef des weltgrößten Rückversicherers Munich Re. Die jährlichen Prämieneinnahmen in den USA belaufen sich auf 6,4 Milliarden Dollar, im Iran geht es nur um einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag.