V. S. Naipaul * 17. August 1932 † 11. August 2018

Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul, der am vergangenen Sonnabend in London gestorben ist, war der erste Autor unseres globalisierten Zeitalters. Seit den Jahren um 1900 haben Erzähler wie Joseph Conrad über nicht westliche Länder und Kulturen geschrieben und bald auch Schriftsteller aus Asien und Afrika über den Imperialismus der Weißen und seine Folgen. Aber ein literarisches Werk, das die ganze internationale und multikulturelle Welt der Gegenwart spiegelt, Lebensläufe und Familiengeschichten über die Kontinente hinweg, Bürgerkriege nach dem Ende der Kolonialherrschaft, grenzüberschreitenden religiösen Fundamentalismus – das hat erst V. S. Naipaul seit den 1950er-Jahren geschaffen, in einer langen Serie von Romanen, Reisebüchern und Essays.

Naipaul schrieb meisterhaft, zugleich fasslich konkret und beweglich intelligent – und er schrieb immer wieder neu und anders. Ein Haus für Mr. Biswas (1961), angelehnt an das mühsame Leben von Naipauls Vater im britisch beherrschten Trinidad, ist voller Kuriositäten und Wärme, die Tragikomödie eines Mannes, der in einem vergessenen Winkel der Welt unter provinziellen Plagegeistern um seine Würde kämpft. An der Biegung des großen Flusses (1979) spielt ebenfalls in der seelischen und historischen Schadenszone des Kolonialismus, diesmal in einem namenlosen zentralafrikanischen Land, das kürzlich unabhängig wurde. Doch hier ist Naipauls Perspektive kalt und hart, seine Sprache lakonisch; er liefert eine schonungslose Fallstudie der Gewalt und ideologischen Verlogenheit in einer "neuen" Nation, die aus der Entmündigung durch andere übergangslos in das selbst gemachte Chaos rutscht.

Kritiker haben Naipaul, der 1950 mit einem Stipendium für Oxford aus Trinidad nach England gekommen und dann geblieben war, solche bitteren Darstellungen vorgeworfen: Er habe im Grunde die verächtliche Sichtweise der Kolonialherren auf die nicht weiße Welt übernommen. Aber das stimmt nicht. Naipaul ließ nie Zweifel an der Widerwärtigkeit des Imperialismus und der rassistischen Mentalität, die ihm zugrundelag. Er war allerdings nicht willens, deswegen Unterdrückern außerhalb des Westens intellektuellen und moralischen Rabatt zu geben – weder kleptokratischen Präsidialdiktatoren in Afrika noch den radikalen Islamisten, mit denen er in zwei Reisebüchern über die muslimische Welt (Eine islamische Reise, 1981, und Jenseits des Glaubens, 1998) abgerechnet hat.

2008 hat der britische Historiker Patrick French eine Biografie veröffentlicht, die aus einer intensiven Kooperation mit Naipaul hervorgegangen ist. Der Schriftsteller erschien darin nicht nur als hochmütig und egoistisch, was man immer gewusst hatte; es wurde auch klar, dass er seine erste Frau und eine langjährige Geliebte mit abstoßender Kälte und Brutalität behandelt hatte. Dass dies bekannt wurde, schien ihn nicht zu kümmern, oder er wollte geradezu, dass man es erfuhr. V. S. Naipaul war ein abgründiger, rücksichtsloser Mensch. Zugleich war er einer der größten Künstler unserer Zeit.