I. Das, was man sieht

Venedig kennt man, auch wenn man nie dort war, dank der Gemälde von Canaletto und Guardi. Warschaus zerstörte Altstadt konnte nach dem Zweiten Weltkrieg rekonstruiert werden, weil Bellotto sie gemalt hatte. Und eine Vorstellung von Rom im 18. Jahrhundert vermitteln Piranesis Le Vedute di Roma. Seitdem gehört das italienische Wort Vedute ("das, was man sieht") zum Wortschatz der Künste. Gemeint sind Gemälde, Zeichnungen oder Radierungen, die Orte in Einzelheiten naturgetreu und anschaulich wiedergeben.

II. Fiktive und reale Ansichten

Die Vedutenmalerei wurde nicht eines Tages von einem genialen Maler erfunden. Sie hat sich langsam entwickelt. Zuerst erscheinen die Stadtansichten im frühen 15. Jahrhundert als realistischer Hintergrund in den Monatsbildern der Brüder von Limburg für das Stundenbuch des Duc de Berry. In den Frühdrucken werden die fiktiven Städtebilder von topografischen Ansichten abgelöst. Hartmann Schedels Weltchronik ist ein Beispiel, in dem einerseits verschiedene Städte mit demselben Holzschnitt abgebildet werden, andererseits bereits Bilder der Wirklichkeit abgeschaut sind.

III. Erfindung des Souvenirs

Als "Vater der Vedutisti" betrachtet man den Niederländer Gaspar van Wittel, der als Gaspare Vanvitelli in Rom berühmt wurde. Er war es, der im 17. Jahrundert die Camera obscura als technisches Hilfsmittel für die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Stadtansichten einführte. Zur hohen Zeit der Veduten wurde dann das 18. Jahrhundert dank der Grand Tour, der Reise der adligen Jugend durch Europa als Abschluss ihrer Ausbildung. Neben Paris als Zwischenstation gehörten Florenz, Rom und Neapel zum Pflichtprogramm. Und damit verbunden war die "Erfindung des Souvenirs". Das betraf das Sammeln von Antiken wie den Kauf von Grafiken und Gemälden der besuchten Orte. Daraus entstand eine große Nachfrage nach Veduten – bis die Französische Revolution und die nachfolgenden Kriege dem abrupt ein Ende setzten.

IV. Ansichtskarten sind das Ende

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich zwar langsam ein bürgerlicher Tourismus – nicht zuletzt dank der von Thomas Cook organisierten Pauschalreisen. Doch davon profitierten weder Kunst noch Künstler. Mit der Erfindung der Fotografie und dem Aufkommen der Ansichtskarten konnte die Malerei nicht konkurrieren. Veduten waren nicht mehr gefragt.