Wer in Delhi lebt, ist besorgte Nachfragen und mitleidige Bemerkungen zu seinem Wohnort gewöhnt. Bevor die Europäer anfingen, sich nur noch für die eigene Sommerhitze zu interessieren, waren das oft Erkundigungen zu den Temperaturen, die im Mai und Juni in der Tat backofengleich und im Dezember und Januar für die ungeheizten Wohnungen entschieden zu kalt sind. Auch die Feinstaubbelastung der Luft kommt gern zur Sprache, leider ebenfalls nicht ohne Grund.

Während ich diese Zeilen tippe, steht neben meinem Schreibtisch ein Gerät, das die meisten Leser in Deutschland wahrscheinlich gar nicht erkennen würden. Es handelt sich um einen "air purifier", der die meisten Staubpartikel aus der Luft filtern soll. Im Augenblick summt er fast lautlos vor sich hin, was ein gutes Zeichen ist. Aber von Zeit zu Zeit erschnüffeln seine Sensoren immer wieder stark überhöhte Schadstoffkonzentrationen, und dann läuft die Maschine zu furchterregend heulender Hochaktivität auf. Ich wette, dass es mindestens einmal passieren wird, bevor ich mit dem Artikel fertig bin.

Ich war unter diesen Bedingungen nicht völlig überrascht, dass Delhi keinen der allerersten Plätze in der Rangliste belegt, die die Forschungsabteilung des britischen Magazins Economist zum Thema Lebensqualität von Städten erstellt hat. Das Ranking beruht natürlich auf viel ausgefeilteren Kriterien als bloß Wetter- und Umweltproblemen; das Kulturleben, die Verkehrsinfrastruktur und das Gesundheitswesen wurden ebenfalls berücksichtigt; sogar das Risiko, bei einem Terroranschlag zu Schaden zu kommen.

Delhi landet jedenfalls unter 140 Städten nur auf Platz 112, und, wie gesagt, ich kann es verstehen. Erst recht habe ich selbstverständlich keinen Grund zu Einwänden gegen die hervorragende Bewertung mehrerer deutscher Städte: Frankfurt, Hamburg, Berlin, München und Düsseldorf finden sich sämtlich unter den führenden dreißig. Und wer wollte dem zauberhaften Wien den absoluten Spitzenplatz missgönnen, die Einstufung als Nummer eins – eine Ehrenstellung, die in den vorigen Jahrgängen des Economist-Rankings das ebenfalls treffliche, vielleicht mit einem Hauch weniger Geschichtsflair und Kunstanmut ausgestattete Melbourne innehatte?

Unverkennbar ist allerdings, dass ein Gesichtspunkt bei der Anfertigung der Liste keine überragende Rolle gespielt haben kann, und das ist die Interessantheit einer Stadt. Die soliden, ernsthaften Parameter von Sicherheit, Wohlstand und Stabilität bringen unweigerlich solide, ernsthafte Orte nach vorn, reibungsarm funktionierende Metropolenbetriebe ohne viel Vergangenheitsballast in möglichst unkomplizierten Ländern wie Kanada, Australien oder Neuseeland. Calgary, Sydney, Vancouver und Toronto, Adelaide, Auckland, Perth, Montreal, Brisbane und Wellington liefern sich unter den ersten dreißig einen harten Sauberkeits- und Frischewettbewerb.

Nun wünscht sich gewiss niemand in seiner Stadt Chaos, Laster und Verbrechen. Aber heißt es nicht doch Ordnungssinn und Respektabilität sehr weit treiben, wenn Helsinki (Platz 16) wirklich vor Amsterdam (17) rangiert? Das brave Amman (98) vor dem charmanten Hanoi (107)? Lissabon (54) und Rom (55) weit abgeschlagen hinter Luxemburg (24)? Man könnte auf den Verdacht kommen, dass Lebensqualität im Sinne des "most livable cities index" nicht ganz dasselbe ist wie Lebendigkeit.

Bei etwas weniger rationalistischen, skandinavienmäßigen Bewertungsmaßstäben hätte wahrscheinlich auch mein Delhi besser abgeschnitten. Es stimmt schon, dass es in vielerlei Hinsicht eine furchtbare Stadt ist. Der air purifier hat inzwischen wieder Alarm geschlagen. Für die Armen ist Delhi gnadenlos, aber sogar uns Privilegierte strapaziert es nach Kräften, trotz unserer Klimaanlagen und wohlbewachten Häuser. Nach einem Tag in Delhi fällt man allabendlich hundemüde ins Bett, auch wenn man eigentlich nicht sagen kann, was man geschafft hätte. Eines allerdings passiert einem in Delhi nie: dass man am nächsten Morgen nicht neugierig wieder aufsteht. Ich habe mich in den viereinhalb Jahren, die ich hier nun lebe, an keinem einzigen Tag gelangweilt. Und irgendwie bin ich mir nicht hundertprozentig sicher, ob das in Auckland oder Calgary auch so gewesen wäre.