Jetzt sollen auch die letzten Eichen fallen. In diesem Herbst will der RWE-Konzern den Hambacher Forst im Rheinland komplett roden, um die darunter liegende Braunkohle abzubaggern und zu verstromen. Deswegen setzt die nordrhein-westfälische Landesregierung schon einmal vorsorglich Polizei und Behörden in Bewegung. Damit sie die Demonstranten vertreiben, die seit mehr als sechs Jahren versuchen, den Wald zu retten.

Dabei geht es in Hambach schon längst um viel mehr als nur um Bäume. Es geht um die Frage, ob erneut ein großer umweltpolitischer Konflikt eskaliert. Wird der Hambacher Forst für die Klimapolitik, was Wackersdorf für die Atomkraft war?

Eine Zeit lang schien die Sache gar nicht so verfahren: Um einen klugen Weg in eine umweltfreundliche und sozial verträgliche Energieversorgung zu finden, hatte die Bundesregierung im Frühjahr eine Kommission eingesetzt. Gemeinsam sollen Umweltexperten, Arbeitsmarktkenner, Gewerkschafter und Energiefachleute den Ausstieg aus der Kohleverstromung planen.

Vor allem in den Öko-Verbänden war die Sorge groß, dass diese Kommission Zeitverschwendung sei. Die Umweltschützer hatten deswegen eine Bitte: Wenigstens die Rodungen im Hambacher Forst sollten gestoppt werden, bis die Kommission fertig getagt habe. Auch um hässliche Szenen zwischen Protestierenden und Polizei zu verhindern.

Doch genau die könnte es nun schon bald geben. Zwar hat ein Gericht noch bis Anfang Oktober den Stopp der Rodungen verfügt. Da dieses Datum nun jedoch näher rückt, scheinen RWE und die Landesregierung die Demonstranten möglichst schnell aus dem Wald vertreiben zu wollen. Und damit droht Hambach zu einem Wackersdorf zu werden.

Die älteren Leser erinnern sich noch, die jüngeren haben vielleicht Bilder gesehen: Auch in Wackersdorf sollten vor 30 Jahren nur ein paar Bäume gefällt werden – dort war eine Aufbereitungsanlage für Atombrennstäbe geplant. Dagegen demonstrierten Tausende Menschen, die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein, die Lage eskalierte. Die Demonstranten mussten weichen. Am Ende dieser Geschichte siegte der Protest: Das letzte deutsche AKW wird bald abgeschaltet.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber die Ähnlichkeiten zwischen den Anti-AKW- und den Anti-Kohle-Protesten sind nicht zu übersehen: Strom aus Kohle ist bei vielen Bürgern heute noch unbeliebter als der aus Atomkraft. Immer mehr Menschen fürchten sich vor dem Klimawandel so wie einst vor den AKWs. In diesem Sommer fühlt sich das Wetter schließlich zum ersten Mal wirklich nach Klimawandel an, mit seiner Hitze, den vertrockneten Feldern und Waldbränden. Da liegt die Frage nah: Was kann die Gesellschaft dagegen tun?

Gerade hat ein Gutachten des Fraunhofer-Instituts eine Antwort gegeben: Deutschland könnte schnell einen Teil der laufenden Kohlekraftwerke abschalten, und zwar ohne, dass das Licht ausginge. Die meisten Regierungspolitiker aber ignorieren diese Erkenntnis. Sie haben den ganzen Klima- und Kohlekram an eine weitgehend ohnmächtige Umweltministerin delegiert – und an die Kohlekommission. Die sollen sich kümmern, nicht die Bundeskanzlerin oder der Wirtschaftsminister. Und schon gar nicht der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Armin Laschet (CDU), der Mann, der sich zwar gern grün angehaucht gibt, aber immer wenn es konkret wird, aufseiten der Kohlelobby steht.

Diese Taktik könnte nun an ein Ende kommen, wenn es böse Bilder aus Hambach gibt. Das Szenario sieht so aus: Deutschland verfeuert zu viel dreckige Kohle. Es beschleunigt damit den Klimawandel. Die Menschen, die das verhindern wollen, werden aus dem Wald gezerrt. Von Polizisten, die im Auftrag der NRW-Landesregierung handeln. Und ohne Rücksicht darauf, dass es so viel schwerer werden wird, in Berlin in der Kohlekommission doch noch eine friedliche Lösung für das Problem zu finden.

Die EU-Kommission hat Anfang der Woche übrigens vorgeschlagen, die europäischen Klimaziele ehrgeiziger zu formulieren. Wenn die Regierungen die Beschlüsse zum Umbau der Energiewirtschaft ernst nähmen, ginge das problemlos. Und wäre ein Signal für die Welt.