"Amazon ist für die Paketdienste ein systemischer Kunde, der seine Marktmacht massiv ausnutzt", sagt der auf Logistikfragen spezialisierte Berater Horst Manner-Romberg. Als Großkunde könne Amazon die Preise immer weiter drücken. Laut dem besagten Vorstandsbericht bleibt DHL für jedes von Amazon beauftragte Paket nur noch eine Gewinnspanne von maximal 21 Cent. "Mit Amazon verdient DHL so gut wie kein Geld mehr", sagt Manner-Romberg. Nimmt die Post-Tochter Verluste in Kauf, um ihren wichtigsten Kunden nicht zu verärgern? Ein Post-Sprecher bestreitet das: "Wir machen nur Geschäfte, die für uns auch rentabel sind."

Mit der eigenen Zustellung übernimmt Amazon das Geschäft nun zunehmend selbst. Im Raum München, Berlin, Mannheim, Frankfurt und in der Ruhr-Region beauftragt der Konzern bereits 35 Subunternehmer mit insgesamt rund 2000 Fahrern. Meist sind es kleine oder mittelständische Firmen, die flexibler und schneller ausliefern können als die Branchenriesen. Hinzu kommen rund 350 von Amazon eigens aufgestellte Paketboxen, an denen Kunden ihre Lieferungen rund um die Uhr selbst abholen können: ein Frontalangriff auf die 3000 Packstationen von DHL. Nach außen verpackt Amazon seine Attacke in konziliante Worte: Man arbeite weiter "partnerschaftlich und vertrauensvoll" mit den Branchenführern zusammen. Es gehe lediglich darum, "Kapazitätsengpässe" auszugleichen.

Tatsächlich geht es bei dem Projekt wohl um mehr als bloß die Auslieferung von Paketen. Amazon will den Kontakt mit seinen Kunden immer weiter kontrollieren, bis sie es am Ende nur noch mit einem einzigen Unternehmen zu tun haben: bestellen bei Amazon, bezahlen mit Amazon und beliefert werden von Amazon. Alles aus einer Hand. Um seine Abnehmer noch stärker an sich zu binden, versucht der Internetgigant ihnen sogar ein ganz neues Einkaufsverhalten anzutrainieren.

Umsatz von Amazon

Amazon, Internet World Business Goldmedia Statista © ZEIT-Grafik

Das lässt sich in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs studieren, wo Amazon im ersten Stock eines Einkaufszentrums auf 2200 Quadratmetern gekühltes Bier, Klopapier und Grillkohle lagert und rasend schnell im Münchner Stadtgebiet verteilt. Die langen Regalreihen in Deutschlands zweiter Prime-Now-Station sind scheinbar willkürlich bestückt mit mehr als 20.000 Artikeln des täglichen und eher seltenen Bedarfs: Eine Glühbirne liegt zwischen Babybrei und Würfelbecher. Windeln sind bei Hamsterstreu und Star Wars-Lego zu finden. Bei minus 19 Grad lagern Tiefkühlpizzen neben gefrorenem Gemüse, im Kühlraum gibt es Edamame-Quinoa-Salat und Mango-Vanille-Joghurt. Aus Lautsprechern dröhnt zu laute Musik. Die auf den ersten Blick chaotische Lagerhaltung ist organisiert durch ausgeklügelte Algorithmen, die den Amazon-Mitarbeitern per Smartphone die kürzesten Wege durch die Gänge weisen, damit sie die Ware möglichst schnell in die braunen Versandtüten stecken können und bloß keine Zeit verlieren.

Ausgeliefert werden die Artikel aus dem Prime-Now-Lager nur an Kunden, die Mitglied im Prime-Club sind. Für 7,99 Euro im Monat können diese Stammkunden auf der Amazon-Website nicht nur Videos schauen, Musik hören oder E-Books lesen. In Berlin und München, wo Prime Now derzeit angeboten wird, erhalten sie Bestellungen auch innerhalb eines gewünschten Zwei-Stunden-Fensters nach Hause geliefert – von Montag bis Samstag zwischen 8 und 24 Uhr. In der Innenstadt liefern die Boten gegen Aufpreis gar binnen einer Stunde.

Das Prime-Now-Lager ist ein Zukunftslabor der Logistik: Es hält nur jene Artikel vorrätig, die Amazon-Kunden häufig bestellen und schnell haben wollen. Amazons Algorithmen wissen genau, was wann gefragt ist: Blumen an Muttertag, Dirndl und Lederhose zum Oktoberfest, Christbäume an Heiligabend. An dem Tag, an dem die ZEIT im Lager vorbeischaut, werden gerade Dutzende Stative verpackt. Am Abend, als der Blutmond über Deutschland leuchtet, wird klar, warum.