Martin Brandl bekommt 12,50 Euro die Stunde. Das ist mehr als der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro, aber deutlich weniger als das, was Zusteller etwa bei der Deutschen Post AG verdienen: Die bekommen, je nach Berufserfahrung, zwischen 14,22 und 18,27 Euro. Anders als die Post zahlt Brandls Arbeitgeber weder Weihnachts- noch Urlaubsgeld. Brandls Arbeitsvertrag ist auf ein Jahr befristet. Am Monatsende bleiben ihm 1450 Euro netto. "Nach unserem Kenntnisstand bezahlt keiner der von Amazon beauftragten Subunternehmer Tariflöhne", sagt Sigrun Rauch von der Gewerkschaft ver.di. Ein Amazon-Sprecher will das nicht kommentieren, betont aber, dass man nur mit Lieferdiensten kooperiere, die ihren Fahrern mindestens 10 Euro die Stunde bezahlten.

Mitarbeiter weltweit

Amazon, Internet World Business Goldmedia Statista © ZEIT-Grafik

Angestellte Fahrer wie Martin Brandl sind Amazon auf Dauer ohnehin nicht flexibel genug. Der Konzern sucht derzeit in Berlin und München nach Solo-Selbstständigen, die vor allem die Turbo-Artikel von Prime Now ausfahren. An einem dieser heißen Nachmittage im August hat Amazon deshalb Bewerber in seine Deutschlandzentrale im Münchner Norden geladen. Eine Mitarbeiterin erklärt, wie das Programm namens Amazon Flex funktioniert: Die selbstständigen Fahrer rücken mit eigenem Auto und Smartphone an und liefern – gelenkt von einer speziellen App – die braunen Amazon-Tüten aus. 34 Euro bekommen sie für eine Zwei-Stunden-Tour. Das Benzin und die Reparaturen, die Versicherung und der Verschleiß, all diese Kosten bleiben beim Fahrer hängen. Von den Ausgaben für eine Krankenversicherung und eine Altersrücklage ganz zu schweigen. Ein Amazon-Sprecher schätzt, dass den Fahrern am Ende "mindestens zwölf Euro die Stunde" übrig bleiben. Martin Brandl, der einige Flex-Fahrer kennt, kommt auf einen anderen Betrag: "Wenn sie ehrlich rechnen, bleibt denen maximal der Mindestlohn."

Auf der Infoveranstaltung für Bewerber stellt die Dame von Amazon klar, dass die Zeitfenster für die Zustellung von Woche zu Woche schwanken und feste Arbeitszeiten nicht garantiert werden könnten. Sie macht, ihre Ehrlichkeit muss man ihr lassen, den Zuhörern keine Illusionen: Der Job biete "keine Vollzeitbeschäftigung", er könne allenfalls ein "Nebenverdienst" sein. Etwas mehr als 100 Flex-Fahrer hat Amazon in Berlin und München bislang angeheuert.

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In kleinen Schritten leitet Amazon die Uberisierung einer Branche ein, die ohnehin schon oft durch miese Bezahlung, enormen Zeitdruck und hohe Arbeitsbelastung in die Schlagzeilen gerät. Neben die Uber-Fahrer und Deliveroo-Kuriere reihen sich nun auch die Flex-Boten von Amazon ein, die kurzfristig kleine Aufträge entgegennehmen, von denen die meisten nicht leben können. Ver.di-Frau Rauch beobachtet die Zunahme dieser Beschäftigungsformen "mit großer Sorge". Diese Jobs verlangten "volle Flexibilität bei null Absicherung". Die Gewerkschafterin glaubt, dass auch der Kunde davon am Ende nichts habe: "Eine zuverlässige Zustellung können auf Dauer nur fest angestellte Beschäftigte gewährleisten."

Amazons Zukunftsszenarien sehen anders aus. Dort spielt der Mensch bisweilen gar keine Rolle mehr, weil Drohnen und Roboter die Auslieferung übernehmen (siehe Kasten). Doch auf absehbare Zeit könnte die Gewerkschafterin recht behalten. Nach Schätzung des Paket- und Logistikverbands benötigt die Branche nämlich bis 2022 allein in Deutschland rund 25.000 weitere Paketzusteller. Branchenkenner Manner-Romberg sagt: "Der Fahrermangel ist die größte Herausforderung für die Firmen."

Der Riese

Anteil von Amazon am gesamten Online-Handel in Deutschland

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Und so könnten Amazons Ambitionen am Ende nicht an der Technik scheitern, sondern an dem profanen Problem, dass zwar immer mehr Menschen immer mehr Dinge immer schneller online bestellen wollen, aber sich immer weniger Boten finden, die sie beliefern. Das bewährte Amazon-Prinzip, einfach die Preise zu drücken, um stets der Günstigste zu sein, könnte an seine Grenzen stoßen, wenn – für wenig Geld zumal – niemand mehr fahren mag. Im Konzernbüro, wo der Internethändler an diesem Nachmittag neue Fahrer für seinen Lieferdienst rekrutieren will, bekommt die Mitarbeiterin schon mal eine Ahnung vom Arbeitsmarkt der Zukunft: Ihrer Präsentation folgt neben der Reporterin nur ein einziger Bewerber.

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