Martin Brandl drückt auf die Klingel, wartet kurz und klingelt noch mal. Keine Reaktion. Dann holt er sein Handy aus der Tasche und öffnet eine App, die einen Anruf für ihn macht. Ein Mann meldet sich, und Brandl sagt: "Ihre Amazon-Bestellung wartet vor der Haustür auf Sie." Kurz darauf surrt der Türöffner. Brandl, gebräunte Haut, muskulöse Arme, drahtige Waden, klemmt die braunen Papiertüten mit Wurstsalat, Emmentaler und Baguette darin unter den Arm und nimmt den Aufzug. Im dritten Stock entschuldigt sich der soeben Angerufene: Er habe auf dem Balkon die Klingel nicht gehört. Aber nun komme er ja doch noch zu einem Abendessen. Gott sei Dank.

Die Brotzeit hat er wenige Stunden vorher bei Prime Now geordert, dem ultraschnellen Lieferdienst für Amazons Stammkunden. Die Handynummer musste der Mann auf dem Balkon bei der Bestellung nicht ohne Grund angeben. Nur weil Brandl ihn anrief, konnte der Bote seine oberste Dienstanweisung erfüllen: "die Sendung beim ersten Zustellversuch ausliefern".

Alle Logistikfirmen treibt dieses Problem um: Eine Bestellung kann einmal um den Globus reisen, richtig teuer ist der Transport erst auf den letzten Metern bis zur Haustür des Empfängers. Um nicht ein zweites Mal vorbeikommen zu müssen, soll Brandl deshalb alles daransetzen, die Ware beim ersten Mal zu übergeben. Sein Auftraggeber, der Internetgigant aus Seattle, wagt einen neuen Vorstoß, diesmal auf dem Logistikmarkt. Und hat sich ehrgeizige Ziele gesteckt: Amazon will seine Pakete schneller und billiger ausliefern als die Konkurrenz.

Boom der Lieferdienste

Umsätze der deutschen Kurier-, Express- und Paketdienst-Branche in Euro seit 2000

Bundesverband Paket und Expresslogistik e.V. © ZEIT-Grafik

Immer häufiger klingeln nicht mehr nur die gelb-roten (DHL), blauen (Hermes) oder braunen (UPS) Paketboten an der Tür, sondern Menschen wie Martin Brandl. Brandl arbeitet für einen Subunternehmer, den Amazon mit der Auslieferung seiner Pakete beauftragt hat. Er trägt an diesem Tag kurze Hose, weißes Shirt und bunte Turnschuhe. Eine besondere Uniform gibt es bei Amazon nicht. Auch Brandls weißer, verschrammter Lieferwagen verrät nicht, für wen er arbeitet. Amazon-Fahrer wie er rufen die Empfänger nicht nur auf dem Handy an, sie liefern auch spontan an eine andere Adresse oder fahren, wenn zunächst niemand öffnet, am Ende der Tour ein zweites Mal vorbei. Kein Händler betreibt so einen Aufwand bei der Zustellung wie Amazon.

Der einstige Online-Buchhändler hat früh damit begonnen, neue Geschäftsfelder zu besetzen. Längst ist er auch Hersteller von sprachgesteuerten Geräten, Filmproduzent, Musiksender, Verlag, Finanzdienstleister, Werbevermittler, Speicherplatz-Anbieter. Seit seiner Gründung vor 24 Jahren hat sich das Unternehmen zum "everything store" aufgebläht, zum Laden für alles, in dem es nichts gibt, was es nicht gibt. Nun ist es einer der wertvollsten Konzerne der Welt und sein Gründer und Chef Jeff Bezos der reichste Mann des Planeten.

Immer wenn Amazon einen neuen Markt betritt, erschüttert der Internethändler die bestehende Branche. So war es, als er die US-Supermarktkette Whole Foods übernahm und die Aktien der Konkurrenten absackten. So war es, als er sich kürzlich die Online-Apotheke Pillpack einverleibte und die Wettbewerber in Panik versetzte. Es gibt für dieses Phänomen einen Ausdruck, der im Englischen zur Redewendung geworden ist: "to be amazoned" – von Amazon auf dem eigenen Markt bedrängt zu werden.

Paketschwemme

Das Sendungsvolumen in Deutschland hat sich seit 2000 verdoppelt

Bundesverband Paket und Expresslogistik e.V. © ZEIT-Grafik

Genau das passiert jetzt auch auf dem Paketmarkt: "Die hiesigen Zustelldienste haben Amazon lange unterschätzt", sagt Jürgen Schröder, der bei der Unternehmensberatung McKinsey auf Logistik spezialisiert ist. Doch nun lässt sich der Vormarsch der Amerikaner nicht länger kleinreden. Post-Chef Frank Appel musste die Gewinnprognose in diesem Jahr um eine Milliarde Euro nach unten korrigieren. Vor allem die Erträge im einst so lukrativen Brief- und Paketgeschäft schmelzen. Der zuständige Vorstand musste gehen. Auch bei der Otto-Tochter Hermes sinken die Profite mit den Paketen, der Deutschlandchef nahm kürzlich seinen Hut. "In der Branche schrillen die Alarmglocken", sagt Schröder.

Die Verhältnisse auf dem Paketmarkt sind paradox. Auf der einen Seite jagt die Branche von einem Rekord zum nächsten: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 3,35 Milliarden Pakete befördert – so viele wie nie zuvor. In diesem Jahr sollen noch mal 168 Millionen hinzukommen. Seit 2000 hat sich das Sendungsvolumen hierzulande beinahe verdoppelt. Und ein Ende der Paketschwemme ist nicht in Sicht. Der Markt wächst und wächst. Auf der anderen Seite jammern die Logistiker: über gestiegene Kosten bei der Zustellung, über fehlende Fahrer. Vor allem aber leiden sie an der Übermacht von Amazon. Der Internethändler macht den Paketdiensten nämlich nicht nur auf ihrem ureigenen Markt Konkurrenz, er ist auch einer ihrer wichtigsten Kunden. Auf bald jedem fünften Paket, das die Zusteller der Post-Tochter DHL ausliefern, prangt inzwischen das Amazon-Logo mit dem geschwungenen Pfeil. Das verriet eine Vorstandsvorlage der Deutschen Post, aus der das Handelsblatt zitierte. Bei Hermes ist die Abhängigkeit ähnlich groß.