Am 29. April 2016 fand, es war schon gegen Ende seiner zweiten Amtszeit, im Weißen Haus ein Jazzkonzert unter der Schirmherrschaft von Barack Obama statt (ZEIT 20/16). Es war eines jener Ereignisse, bei denen von einem Vermächtnis gesprochen werden kann. Der Jazz, sagte Obama in seiner Begrüßungsrede, sei Amerikas ureigener Beitrag zur Weltkultur, eine Kunstform, die den nackten und mutigen Künstler verlange, der auf die Bühne gehe mit nichts als dem Vorsatz zur Erschaffung des Unwiederholbaren – im Grunde sei die amerikanische Nation selbst nichts anderes als eine dauernde Improvisation. Der Abend, der dann folgte, war eine späte, rauschende Einlösung des Satzes "Yes we can".

Eine unfassbar gut besetzte Allstar-Band, unter anderem mit Herbie Hancock, Chick Corea, John McLaughlin, Wayne Shorter, Dee Dee Bridgewater, Dianne Reeves, Sting, Pat Metheny, Al Jarreau, Diana Krall und dem deutschen Trompeter Till Brönner, begann nun zu spielen.

In der ersten Reihe saßen Michelle und Barack Obama, und Aretha Franklin, welche unter den großen Musikerinnen und Musikern des Abends so etwas wie die erste Stimme war, sagte zu den beiden in der ersten Reihe: "I hate to see you go." Damals war sie schon schwer krank, was ihren Worten einen herzzerreißenden Doppelklang gab.

Der Abend im Weißen Haus war einer von Aretha Franklins letzten öffentlichen Auftritten, und es war der letzte unter den Blicken Obamas. Sie war die oberste Künstlerin seiner Amtszeit. Seit sie bei seiner Inaugurationsfeier gesungen hatte, kam es zu mehreren solcher Begegnungen – sie auf der Bühne, er in der ersten Reihe. Die Bildregie war stets die folgende: Man sah Franklin singen, dann zoomte eine andere Kamera ins Publikum, wo die Obamas saßen, lächelnd und sich im Takt wiegend, eventuell mit Tränen in den Augen. Es war eine prägende Szene dieser schon tief versunkenen Jahre: der durch Gesang an den Rand seiner Fassung gebrachte schwarze Präsident und seine liebste Sängerin.

Er hielt diese Momente aus, ohne den Blick von ihr zu lassen, aber seine Augen schwammen, wie es auch den weniger abgebrühten Besuchern der Marina-Abramović-Performance The Artist Is Present geschah, wenn sie plötzlich Aug in Aug mit der Schamanin saßen: Es war klar, wer in diesen Momenten die Meisterin war und wer der Lehrling. Auf Obama gemünzt: Es ließ sich hier nicht ein König, der mächtigste Mann der Welt, von einer Hofkünstlerin die Zeit vertreiben, es war eher so, als nähme Obama bei Franklin auf eine geheime Weise Unterricht. Aber in welchem Fach? Vielleicht im Fach "Würde", decency.

Aretha Franklin verkaufte nichts, auf der Bühne verführte und überredete sie nicht, ihr Gesang war der wilde, tieftraurige, triumphale Klang der Auflehnung. Noch in den lieblichsten Songs hörte man, wenn Franklin sie sang, etwas vom empörten Aufschrei einer Überfallenen oder in einen Hinterhalt Geratenen, die sich den Schlag, den Schmerz, den Verrat nicht gefallen lassen wird – und zurückschlägt.

Als sie sechs war, trennten sich die Eltern; als sie zehn war, starb die Mutter; im Alter von 14 Jahren wurde sie selbst Mutter (in manchen Quellen heißt es sogar, sie habe mit zwölf ihr erstes Kind bekommen); als sie 37 war, wurde ihr Vater, ein berühmter Baptistenprediger, Opfer eines Raubüberfalls und lag von da an jahrelang im Koma (Aretha und ihre Angehörigen pflegten ihn zu Hause); als sie 38 war, starb ihre Schwester. Sie hatte Flugangst und war seit den Achtzigerjahren nie mehr in Europa. Sie misstraute allen Geschäftsleuten, so heißt es, derartig stark, dass sie sich ihre Gage in bar auszahlen ließ und das Geld beim Auftritt mit auf die Bühne nahm. Und auch mit ihren Lebensgefährten hatte sie wenig Glück. Abseits des Showgeschäfts war ihr Leben also schwer und bestimmt von Hinterhalten, aus denen sie nur auf der Bühne, als bisweilen fast burleske Gestalt, in Pelz gekleidet, immer wieder entkam. Deshalb liebte sie es, aufzutreten: Wenn sie sang, war es, als risse ihre Stimme ein ganzes Dasein (und unseres gleich mit) in die Höhe.

Im Fernsehen sagte nun in einem gelangweilten Zwischendurch- und Bringen-wir’s-hinter-uns-Tonfall der aktuelle amerikanische Präsident, der zwar Obamas Nachfolger ist, aber doch eher so wirkt, als sei er aus einer Vorwelt in der falschen Sekunde, nämlich weltgeschichtlich viel zu spät, heraufgekrochen, Aretha Franklin sei eine Person gewesen, die er gut gekannt und die oft für ihn gearbeitet habe: "She worked for me on numerous occasions." Es war eine faszinierende Zurschaustellung von Stil- und Taktlosigkeit (und würde im Übrigen erklären, warum sie ihre Gagen in bar haben wollte). Auch vor ihr musste sich Trump noch als Vorgesetzter aufspielen. Aber eins ist sicher: Wenn dieser Mann längst vergessen ist, wird man noch Aretha Franklins herrlichen Lebensschrei im Ohr haben. Solange man ihn hört, hat man nicht verloren.

Jetzt ist Aretha Franklin in Detroit gestorben. Sie war 76 Jahre alt.

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