Harvey Weinstein freut sich natürlich. Die Schauspielerin Asia Argento, die ihn 2014 der Vergewaltigung bezichtigt hat, als eine der ersten Frauen überhaupt, die den Mut hatten, den seinerzeit allmächtigen Hollywood-Produzenten anzuklagen, soll sich ihrerseits ein Jahr zuvor des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben.

In der New York Times hieß es, die damals 37-Jährige habe sich an dem 20 Jahre jüngeren, also noch nicht mündigen Jimmy Bennett vergangen, einem ehemals bekannten Kinderstar, mit dem sie selbst einst vor der Kamera stand. Sie bestreitet die Tat, es heißt aber, sie habe ihm die nicht unbeträchtliche Summe von 380.000 Dollar gezahlt, damit der Vorfall, so könnte es zumindest heute scheinen, nicht ausgerechnet im Jahr ihrer Vorwürfe gegen Weinstein bekannt werde. Dessen Anwalt ließ es sich jedenfalls nicht nehmen, in dem ultrakonservativen Sender Fox News von einem "atemberaubenden Level an Scheinheiligkeit bei Asia Argento" zu sprechen.

Von Heuchelei wird allgemein gerne geredet, wenn es um die #MeToo-Bewegung geht. Aber liegt in diesem Fall tatsächlich ein moralischer Widerspruch vor? Relativiert das eine Vergehen in irgendeiner Weise das andere? Lässt sich die Verführung eines Minderjährigen (der so minderjährig mit seinen 17 Jahren nicht war und nach deutschem Recht übrigens sexualmündig) überhaupt gleichsetzen mit einer Vergewaltigung? Selbst wenn man an die Tat Asia Argentos glaubt und sie als erheblich einstufen möchte, wären damit noch immer nicht die Taten aus der Welt, denen sie selbst zum Opfer fiel. Es ergibt sich keine Schuldminderung für Weinstein und nicht einmal eine verminderte Glaubwürdigkeit der Schauspielerin aus dem Umstand, dass ihr Gewissen vielleicht nicht blütenrein war. Wer seinen Verstand nicht vorsätzlich ausschaltet, kann nur feststellen, dass hier einfach zwei Fälle vorliegen, die nicht im Geringsten geeignet sind, sich gegenseitig zu belichten.

Höchstens werfen beide gemeinsam ein Licht auf die seelischen und finanziellen Abhängigkeiten, die intimen Verstrickungsverhältnisse der Filmwirtschaft. Wenn man nicht wüsste, dass Asia Argento und Jimmy Bennett schon einmal einen Film zusammen gedreht haben und worum es in diesem Film ging, würde man vielleicht nicht einmal von Missbrauch sprechen wollen, sondern im Gegenteil, mit einem gewissen Maß alteuropäischer Abgebrühtheit, nur davon, dass hier ein junger Mann "in die Liebe eingeführt" wurde, wie es in den alten Romanen aus weniger prüder Zeit hieß.

Aber leider gibt es den Film, der 2004 in Cannes gefeiert und von der Hauptdarstellerin Argento selbst inszeniert wurde – er heißt Das Herz ist eine hinterlistige Person und handelt von einem Missbrauch, den eine drogensüchtige Mutter (gespielt von Asia Argento) an ihrem Sohn (gespielt von dem siebenjährigen Jimmy Bennett) verübt. Man könnte sagen: Was zehn Jahre später möglicherweise in einem Hotelzimmer geschah, war in dem Film schon präfiguriert. Oder umgekehrt: Der Film könnte ein Rollenverhältnis in der Kindheit des jungen Mannes angelegt haben, das sich später ausnutzen oder doch lenken ließ.

Aber muss man es so sehen? Sind zehn Jahre nicht eine lange Zeit? Lässt sich überhaupt ein 17-Jähriger gegen seinen Willen in ein Hotelzimmer bugsieren, ausziehen und aufs Bett werfen? Bennett behauptet heute, damals traumatisiert und um seine weiterer Filmkarriere gebracht worden zu sein; er will jetzt weitere Millionen Dollar, sozusagen als Verdienstausfall. Die Summe wird von Anwälten ernsthaft, auch als Schmerzensgeld, diskutiert und im Internet beifällig kommentiert. Vielleicht liegt in diesen Krokodilstränen, die von interessierter (vorwiegend männlicher) Seite um sein bitteres Schicksal geweint werden, die eigentliche Heuchelei, zumindest eine strategisch eingesetzte Weltfremdheit, die so tut, als wären junge Männer auf ähnliche Weise wehrlos wie junge Frauen – als ließe sich auf diese Weise eine Geschlechtersymmetrie herstellen, die das Schuldkonto ausgleicht, von dem die #MeToo-Debatte eine Ahnung gegeben hat.