Welch ein Symbol! Weiblich, muslimisch, türkischstämmig – gleich in drei Hinsichten haben die Hamburger Christdemokraten eine entschiedene Wahl getroffen. Gerade noch hatten sie ihre Frauenquote auf null gesenkt, als es um die Auswahl ihrer Bundestagskandidaten ging. Erst kürzlich hat in Berlin der Heimatminister der Union erklärt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Die neue Rechte fantasiert davon, die Kinder türkischer Einwanderer in "Anatolien" zu "entsorgen" – und nun wollen die Konservativen in Hamburg der muslimischen Tochter eines türkischstämmigen Schneiders die Macht im Stadtstaat übertragen. Das ist mutig.

Aygül Özkan, die ehemalige niedersächsische Sozialministerin, sei "die beste Bürgermeister-Kandidatin, die Hamburg je hatte", sagte Parteichef Roland Heintze am Wochenende. Was immer ihn zu diesem euphorischen Urteil bewogen hat, eines war es gewiss: ein überraschend klares Bekenntnis gegen Islam- und Fremdenfeindlichkeit und für linke Werte wie Geschlechtergerechtigkeit und Multikulturalität.

Wer links oder grün denkt, wird die Hamburger CDU nun möglicherweise mit ganz anderen Augen sehen. Aber wie kommt dieses Signal bei konservativen Stammwählern an?

Noch sind es eineinhalb Jahre bis zur Bürgerschaftswahl, und ob Aygül Özkan überhaupt antreten kann, ist gegenwärtig offen. Die Wunschkandidatin der CDU ist schwer erkrankt – eine traurige Nachricht und ein harter Schlag für die Christdemokraten in einer ohnehin schwierigen Lage.

Erstaunlich früh sind die Parteien der politischen Mitte darangegangen, ihre Schlüsselpositionen zu besetzen. Die Motive dafür sind ganz unterschiedlich. Die Sozialdemokraten hatten keine Wahl: Ihr Bürgermeister Olaf Scholz zog im Frühjahr nach Berlin, sein Nachfolger Peter Tschentscher ist 2020 in Hamburg der natürliche Spitzenkandidat. Die Grünen wollen offenbar klare Verhältnisse, um im Wahlkampf über Sachthemen reden zu können, und ihre Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank war eine naheliegende erste Wahl in der ohnehin nicht sonderlich bedeutsamen Frage nach einer Spitzenkandidatur. Die FDP braucht noch weniger einen Spitzenkandidaten als die Grünen, leistet sich aber in ihrer neunköpfigen Fraktion bereits zwei gleichberechtigte Vorsitzende, Anna von Treuenfels-Frowein und Michael Kruse, und hat damit zu einem frühen Zeitpunkt eine Vorauswahl getroffen.

Die Lage der CDU ist erheblich komplizierter. Die Partei ist mit dem schlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte von 15,9 Prozent in die Bürgerschaft eingezogen und hat der letzten Umfrage zufolge ihre Lage seither nicht verbessert. Die öffentliche Debatte um die Kandidatenfrage schadete den Konservativen zusehends – es war ja nicht zu übersehen, dass von etlichen Namen, die immer wieder fielen, nur ein einziger einem aktiven Hamburger CDU-Politiker gehört.

Karin Prien, die ehemalige Wortführerin in Flüchtlingsfragen, regiert als Bildungsministerin in Kiel und steht nicht zur Verfügung. Axel Gedaschko, der frühere Wirtschaftssenator, ist seit sieben Jahren Lobbyist der Wohnungswirtschaft in Berlin. Nikolas Hill, der ehemalige Kulturstaatsrat, war aus Sicht der Spitze keine ernsthafte Option. Und André Trepoll, der gegenwärtige Fraktionschef in der Bürgerschaft, verschafft seiner Partei zwar Aufmerksamkeit und ein ausgeprägt konservatives Profil, aber hilft ihr bislang nicht aus der Krise. In einer repräsentativen Umfrage im Frühjahr trauten gerade elf Prozent dem Oppositionsführer die Spitzenkandidatur zu. Und dann ist da Aygül Özkan, die am wenigsten Bekannte unter diesen fünfen.

Vier mögliche Kandidaten von draußen und nur einer aus der Landespolitik – das ist eine deprimierende Bilanz für Partei und Fraktion, zudem erzeugt diese Konstellation Zeitdruck. Für einen auswärtigen Kandidaten, der erst aufgebaut werden und sich einarbeiten muss, während die politischen Gegner wie selbstverständlich ihre Plätze schon eingenommen haben, ist jeder Tag einer verzögerten Entscheidung verloren.