Essen: Erst Avantgarde, dann Brathähnchen

Als der 16 Jahre gereifte Whisky auf die Handfläche tropft und man ihn verreibt wie ein edles Parfum, lacht die Frau am Nebentisch. Man lächelt mit, aber die Kellnerin des Restaurants Disfrutar (16, siehe Karte am Ende des Textes) bleibt ernst. Schließlich ist man ihrem Rat gefolgt: Der Duft soll den Genuss steigern. Mit der aromatisierten Hand greift man also die zwei Pralinés der "Tarta al Whisky". Riecht und schmeckt, und in wenigen Happen ist dieser vierte von fünf Nachtischen weg. Der Whisky aber hält sich über Stunden an der Hand.

Das Disfrutar im Viertel Eixample landete vor zwei Monaten als "höchster Neueinstieg" auf Platz 18 der Restaurant-Weltrangliste. Die Küchenchefs Oriol Castro, Eduard Xatruch und Matéu Casañas gehörten früher zu Ferran Adriàs Kreativteam, und Adrià galt lange Zeit als avantgardistischster Koch der Welt. Sein Restaurant El Bulli an der Costa Brava stand unerhörte fünf Mal auf Platz eins der Liste – bis er es 2011 dichtmachte und sich in seinem Bulli-Lab in Barcelona, einer Art Denklabor der Kochkunst, ganz dem Forschen verschrieb. Während er nun an der Bulligrafia arbeitet, einer Dauerausstellung zu seinem legendären Restaurant, sowie an der Bullipedia, einer historisch-kulinarischen Enzyklopädie, machen verdiente Mitstreiter von früher in der Stadt ein Restaurant nach dem anderen auf.

Wer nie im El Bulli essen konnte, hat es in den Spin-offs jetzt viel leichter. Im Disfrutar kommt ein vielteiliges Showprogramm auf den Tisch, das tatsächlich wirkt wie eine lässig aufgefrischte El-Bulli-Experience. Gazpacho in Sandwichform, Cocktails als Biskuit, Taube als Bonbon, Salat zum Trinken – etwa 30 Kleinigkeiten werden im Verlauf des Menüs serviert. Die meisten Häppchen sind kalt, und richtig kauen muss man selten, aber das Spektakel macht großen Spaß. Näher kommt man ans Original nicht mehr heran.

Eugeni de Diego dagegen, erst Bulli-Koch, dann Bulli-Lab-Direktor, hat allen Molekularkram hinter sich gelassen. Sein Imbiss A Pluma (1) liegt im Oberstadt-Quartier Sant Gervasi, ist bunt-filigran möbliert und bietet vor allem eine Edelversion des katalanischen Sonntagsmittags-Mitnahme-Klassikers Pollo a l’ast, auf Deutsch: Brathähnchen. Dazu gibt’s gegrillte Kartoffeln und Paprika, alles so bratensaftig herzhaft, dass man de Diego gleich eine Zukunft als A-Pluma-Imbissketten-Mogul prophezeit. Er hört es gern und sagt: "Manche wollen immer Avantgarde sein. Ich wollte immer auch Unternehmer sein."

Ein früher Bulli-Aussteiger war Albert Raurich. Sein neues, neorustikales Lokal Dos Pebrots (10) im lauschigeren Teil des Raval betreibt Tapas-Archäologie. Die Karte, die auch von der Wühlarbeit der Bullipedia profitiert, listet zu jedem Teller Ursprünge und Referenzen auf, die von den Phöniziern über die Mauren bis zu "San Sebastián, 1929" reichen. Die "Schweinszitzen" sollen ein Leckerli im alten Rom gewesen sein, hier werden sie auf einer tönernen Sau in Rückenlage serviert. Der Koch, der sie aus der offenen Küche herausreicht, trägt ein halbes Dutzend Brandwunden an den Armen. Wie im alten Rom?

Unmöglich, sich durch alle Post-Bulli-Läden zu essen. Schon weil Ferrans jüngerer Bruder Albert inzwischen ein halbes Dutzend neuer Lokale aufgemacht hat. Im teuersten, dem Gourmet-Restaurant Enigma (15), wechselt man als Gast im Laufe des Menüs mehrfach den Raum. Im günstigsten, dem Taco-Laden Niño Viejo (14), sitzt man draußen an einem Tisch mit kitschbunter Kunststoffdecke und sagt sich: Hey, Tacos für drei Euro, direkt aus dem Adrià-Universum – ein Schnäppchen. "Aber", warnt der Kellner, der schon seine Erfahrungen gemacht haben wird, "da beißt du zweimal ab, und das war’s." Stimmt. Waren aber zwei leckere Bissen. Die Rechnung, schöner Schlussgag, kommt in einer alten VHS-Hülle des Films El Mariachi.

Jugendstil: Neues von Gaudí

Inzwischen kann man in Barcelona bestimmt eine volle Urlaubswoche damit zubringen, Bauten des Modernisme, des katalanischen Jugendstils, zu besichtigen. Und es kommen immer noch neue Edelsteine dazu. Selbst von Gaudí, man glaubt es kaum, gibt es eine Neuveröffentlichung, seine erste Großbürgervilla, die Casa Vicens (2), die noch bis 2014 bewohnt war. Etwas eingequetscht liegt sie am Rande von Gràcia, die grün glasierten Ziegel türmen sich leicht brokkoliartig auf. Auch an den Zimmerdecken wuchert viel Gemüse in Furchen aus Stuck, dazu hat das junge Genie dem Hausherren einen Rauchsalon wie aus Tausendundeiner Nacht entworfen (dessen Mobiliar leider nicht überlebt hat).

Trotz dieses verwegenen Frühwerks bleibt der schönste Neuzugang der letzten Jahre das Hospital Sant Pau (4) am oberen Ende des Eixample, fast eine kleine Gartenstadt. Man läuft zwischen einem guten Dutzend überkandidelter Pavillons voller Skulpturen, Kuppeln und Säulen herum und fühlt sich wie auf einem psychedelischen Genesungstrip. Der Architekt Lluís Domènech i Montaner glaubte durchaus an einen Heileffekt seines Werks, und man glaubt sofort mit. Im großen Saal des Hauptgebäudes, dessen Deckengewölbe sich dreischiffig aufwirft wie eine Kathedrale, wurden allerdings keine Kranken gebettet, sondern Sponsoren hofiert. Der wichtigste konnte seine Initialen auf zahlreichen Zierkacheln in der Anlage wiederfinden. Auch in der Hinsicht war das Hospital Sant Pau ganz weit vorn.