Bayreuth! Mein erster Besuch der Wagner-Festspiele! Alle haben mir abgeraten. Jetzt bin ich hier. Wer wird recht behalten?

Mein Zug hatte zwei Stunden Verspätung, und als mich das Taxi vor dem Festspielhaus absetzt, hat der erste Akt von Tristan und Isolde bereits begonnen. Ich nehme einen Seiteneingang, von dem der Taxifahrer gemeint hat, es sei das Pressebüro. Ich frage eine Angestellte des Hauses, wo bitte das Pressebüro sei, worauf mich die Dame wissen lässt, dies sei nicht das Pressebüro. Ich erkläre ihr die Sachlage und erwähne, dass die ZEIT meine verspätete Ankunft und meinen Plan, um 18.20 Uhr zu Beginn des zweiten Akts meinen Platz im Zuschauerraum einzunehmen, mit den Zuständigen im Haus abgestimmt habe. Die Frau sieht mich an, als hätte ich gerade ansatzlos Csárdás zu tanzen begonnen.

Habe ich etwas im Gesicht, was da nicht hingehört? In meiner Jugend habe ich einem betrunkenen Freund, ehe ich ihn weckte, mit Edding einen Hitlerbart unter die Nase gemalt, was dieser erst nach einer U-Bahn-Fahrt quer durch die Stadt und einem Sonntagsessen bei seinen ungewöhnlich wortkargen Eltern in deren Badezimmer bemerkte. Aber ein Hitlerbart würde hier nicht auffallen, denn wir befinden uns an einem Ort der Kunst, und wo Kunst ist, ist Hitler nicht weit.

Weil mir nichts Besseres einfällt, setze ich mich in eines der Festspielrestaurants und handle über mein Notebook an verschiedenen Kryptobörsen. Eigentlich hätte ich nach den acht Stunden im Zug gern etwas zu essen. In einer Vitrine entdecke ich Kuchen und belegte Brötchen, doch ihre Existenz wird geleugnet. Es gibt sie erst später, sagt die Kellnerin. Die studiert bestimmt Quantenphysik.

Als ich einen deutschen Gruß höre, hebe ich den Kopf. Vor mir stehen drei Polizisten. Sie wollen wissen, wer ich bin. Da müsste ich ein bisschen ausholen, aber sie sind nur an der Kurzfassung im Reisepass interessiert. Der liegt in Wien, weil zumindest in Europa überall mein österreichischer Führerschein als Ausweis akzeptiert wird. Vielleicht gibt es für Personenkontrollen in bayerischen Restaurants mittlerweile Sondergesetze, ich lese ja nie Zeitung. Ihm reiche der Führerschein jedenfalls nicht, sagt der Einsatzleiter mit einem selbst für einen Polizisten übermäßigen Mangel an Wohlwollen. Er sieht irgendjemandem ähnlich, den ich kenne, und wirkt so forsch, als wäre er nicht 1,90 Meter, sondern 1,50 Meter groß.

Sehen will er meinen Führerschein, den er nicht anerkennt, übrigens trotzdem.

Auf der Suche nach dem Ausweis krame ich Karte um Karte aus meiner Geldbörse, Bank- und Kreditkarten, die Mitgliedskarte von Rapid Wien, sogar ein absurdes Kärtchen mit dem Bild von Papst Franziskus ist dabei. Einige stecken schon so lange da drin, dass sie zusammengeklebt sind.

Ich weiß jetzt, wem der Einsatzleiter ähnlich sieht: dem Zeichentrickdetektiv Nick Knatterton. Um ihn nicht unhöflich anzustarren oder gar zu kichern, frage ich die anderen Beamten, die, einen Sicherheitsabstand einhaltend, mich zu fünft mit ihrem Stahlblick mustern, ob jeder Gast kontrolliert werde oder sie etwas Bestimmtes von mir wollten. Niemand antwortet. Stattdessen nimmt der forsche Einsatzleiter meine Brieftasche an sich, um sie zu durchsuchen, was mit der Ankunft der Beamten 6 bis 8 zusammenfällt. Meine Verwirrung steigt. Darf der das alles überhaupt? Die Unruhe steigt ebenfalls, denn in zehn Minuten beginnt der zweite Akt. Im Hintergrund sehe ich weitere Amtskappen heranwackeln. Welche Versteckte Kamera hat so ein Budget? ARD? RTL?

Endlich, mein Führerschein ist gefunden. Der Einsatzleiter fragt mich, wie ich heiße, ich sage meinen Namen, und er liest Buchstabe für Buchstabe mit. Daraufhin will er wissen, ob ich eine MaaahesescKaaachrchrPfaaaaiooooos kenne. Ich verneine. Einsatzleiter: "Aha. Wieso führen Sie dann den Führerschein besagter Dame mit sich?" Deutlich ist viel Stille zu hören.

"Ach so, das ist der Führerschein einer Bekannten, den ich letztes Jahr in Spanien gefunden habe. Ich wollte ihn ihr zurückgeben, dann schrieb sie mir, sie hätte bereits einen neuen, ich könnte diesen hier wegwerfen. Was ich vergessen habe." Nick Knattertons Blick durchbohrt mich. "Das ist aber sehr seltsam", bemerkt er. "Wieso ist das seltsam?"

"Ein fremder Führerschein ist schon seltsam!"

Diese Männer sind übernervös, vermutlich wegen der Deutschland überziehenden Terrorlawine. Ich versuche den Beamten zu erklären, dass ich von der ZEIT hergeschickt wurde, um über die Festspiele zu schreiben, und dass ich E-Mails und andere Dokumente hätte, die all das bestätigen würden. Man lässt mich leider nicht reden.

"Packen Sie Ihre Sachen ein, und kommen Sie mit!" – "Mitkommen? Wohin denn?" – "Wir müssen feststellen, wer Sie sind." – "Sie haben doch meinen Führerschein gesehen!" – "Der gilt nicht!" – "Seit wann gilt mein Führerschein nicht? Dann dürfte ich ja in Deutschland auch nicht Auto fahren!" – "Haben Sie nicht gesagt, Sie sind mit der Bahn gekommen? Hat er doch gesagt, oder?" – "Ja." – "Mit der Bahn, hat er behauptet." – "Ich bin ja mit der Bahn gekommen!" – "Was denn nun? Mit dem Auto oder mit der Bahn?"

Ich sage nichts mehr. Unauffällig halte ich nach verborgenen Kameras Ausschau.

Ich werde von fünf Polizisten quer über das Gelände geleitet, begafft von Passanten in Abendkleidung. Ich bin froh, als wir endlich einen improvisierten Bretterbuden-Checkpoint der Polizei erreichen, obwohl der offene Raum, in dem ich Rucksack und Tasche abstellen muss, mich an das Valentinstag-Massaker erinnert. Geschätzt 15 Polizistinnen und Polizisten sind es kurz darauf, vor denen ich mich breitbeinig an die Wand stellen muss und durchsucht werde. Die Amerikaner, fällt mir ein, haben bei der Ergreifung Osama bin Ladens zwei Hubschrauber und 24 Seals gebraucht. Es stellt sich daher die Frage: Wo bleibt der Hubschrauber? Die von mir ausgehende Gefahr scheint immerhin bei knapp 60 Prozent von der des saudischen Terrorfürsten zu liegen. Wieso, ist mir unklar. Ich sitze regelmäßig mit Computer und Glatze im Café und bin noch nie festgenommen worden.

Stillstand. Ich klappe den Laptop auf und lese Nachrichten. Vielleicht suchen sie in der Gegend einen kahlen Österreicher.