Wie lassen sich Touristenrummel und Friedhofsruhe miteinander vereinbaren? Dieser Frage stellt sich gerade der Berliner Dom. Kaum ein anderes Bauwerk steht derart prunkmächtig für die Verbindung von Preußentum und Protestantismus. In der Hauskirche des letzten deutschen Kaisers war nur den Hohenzollern der Zutritt zu ihrer Familiengruft im Untergeschoss gestattet. Erst 1999, als die Wiederaufbauarbeiten abgeschlossen waren, wurde die Gruft für Besucher geöffnet. Die Hohenzollern stimmten der Öffnung unter der Prämisse zu, dass weiterhin die Stille und das Eingedenken der Begräbnisstätte erhalten bleiben. Wie aber lässt sich das schweigende Memento mori mit dem Konzept multimedialer Museumspädagogik kombinieren, wo immer mehr mit knalligen Effekten gearbeitet wird?

Den Berliner Dom besuchen jährlich 700.000 Touristen, 80 Prozent aus dem Ausland. "Ein Besuch der Gruft bietet keine intellektuellen und emotionalen Anreize", beklagt Svenja Pelzel: "94 Särge führen in einer Tiefgaragen-Atmosphäre ihr Schattendasein." Deshalb startet die Projektleiterin 2020 ein ambitioniertes Sanierungs- und Umbauprojekt, das auf 17,3 Millionen Euro veranschlagt ist. Die Wiedereröffnung ist für 2023 geplant und wird von Bund und Land finanziert. 1,7 Millionen Euro will die Domgemeinde selbst beisteuern. Ihr Haushalt von jährlich sechs Millionen wird zu zwei Dritteln aus Eintrittsgeldern finanziert. Und dafür sollen die Besucher auch etwas sehen können. Pelzel will mit ihrem Architekten- und Kuratorenteam den Spagat zwischen Museum, Gebetsort und Friedhof schaffen und könnte damit Vorbild für die Gotteshäuser werden, in denen Menschen mit Kunstführern Menschen mit Gesangbuch zu Leibe rücken. Aufwendige Neuverlegungen von Kabelschächten, Boden-und Wanddurchbrüche, um die Totenruhe zu fördern. Das klingt bizarr. In der Bauzeit werden die Sarkophage aus der Zeit vom Ende des 16. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Schutzkästen eingeschreint. Nach der Fertigstellung sollen prominentere Särge mit einer dezenten Strahlung hervorgehoben werden, eine Touchscreen-Tafel liefert dazu historische Informationen.

Doch als Problem bleiben die Touristen selbst, auch wenn sie zur Erhaltung der Gruft finanziell beitragen: "In der Sommerhitze trieb der Besucherschweiß die Raumfeuchtigkeit drastisch in die Höhe", sagt Pelzel. Schimmelgeruch machte sich breit. Eine moderne Klimatechnik soll später Abhilfe schaffen.

Die Gemeinde hätte gewünscht, dass auch die kunsthistorisch bedeutenden Prunksärge ohne Leichname aus der Predigerkirche in die Gruft verlegt werden. Dann gäbe es Platz für stille Gebetsecken zur inneren Einkehr. Davon gibt es im stark frequentierten Dom zu wenig. Doch die Gruft ist zu klein für die weitverzweigte Familie. Durch die Erweiterung des Eingangsbereichs müssen die Särge in Zukunft ohnehin schon weiter zusammenrücken. Svenja Pelzel hat ein schweres Erbe: dem Recht auf Stille gerecht werden, das von den Lebendigen und den Toten gleichermaßen beansprucht wird.

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