I. Ein Hauch von Nostalgie

"Ein rechter Maler, klug und fleißig, / Trägt stets ’n spitzen Bleistift bei sich", reimte Wilhelm Busch. Von ihm ist überliefert, dass er seine Vorzeichnungen mithilfe eines Bleistifts auf grundierte Holzplatten übertrug. Max und Moritz kamen damit auch durch einen Bleistift in die Welt. Buschs Zitat galt nicht nur für Maler, jedenfalls bevor der Amerikaner Lewis Edson Waterman 1883 den Füllfederhalter erfand. Doch inzwischen verbindet sich mit dem Bleistift ein Hauch von Nostalgie. Man hat ihn zwar auf dem Schreibtisch liegen, benutzt ihn aber kaum. Dabei ist der Bleistift noch gar nicht so alt: Erst 1827 gelang es Joseph Dixon, ebenfalls Amerikaner, die Grafitmine in der bis heute üblichen Weise in Holz zu fassen.

II. Schwer wie Blei

Grafit wurde bereits im Mittelalter benutzt, zum Beispiel um die Linien für die Schreiber der Liederhandschriften zu markieren. Allerdings hielt man das Material wegen seines Gewichts zunächst für Blei. In Deutschland nannte man die Stifte, die aus England kamen, deshalb Bleifedern, Bleyweißsteffte oder Reißblei. Der Schweizer Conrad Gessner hat als Erster 1565 in seinem Buch De Omni Rerum Fossilium Genere einen solchen Stift beschrieben und abgebildet. Das war ein Jahr nachdem unweit des nordenglischen Borrowdale ein reiches Grafitvorkommen entdeckt worden war. In Stäbe oder kleine Blöcke zersägt, wurde es zum Zeichnen in Hülsen aus Holz oder Metall gesteckt.

III. Wie mit Kreide

Da die Briten ihr Monopol mit einer Verknappung der Exporte ausspielten, war ein Grafitstift zeitweise dreimal so teuer wie eine gute Feder. Mit den napoleonischen Kriegen versiegte diese Quelle. Deshalb entwickelte Nicolas Jacques Conté 1795 ein Verfahren, pulverisiertes Grafit und Ton zu mischen und zu rechteckigen Stäben zu brennen. Mit diesem Conté-Crayon konnte man wie mit Kreide zeichnen.

IV. Produktion für die Massen

Zu den in Holz gefassten Bleistiften in verschiedenen Härtegraden – heutzutage von 9B (extraweich und tiefschwarz) bis zu 9H (extrem hart) standardisiert – wurden die Kreidestäbe allerdings erst durch weitere Zusätze. Der Siegeszug des Bleistifts spiegelt sich in den Skizzenbüchern, in denen Künstler in der Natur Eindrücke und Ideen für Gemälde notierten. Und in den Produktionszahlen: Mehr als 200 Millionen Bleistifte wurden um 1900 allein im bayerischen Nürnberg, der deutschen "Bleistifthauptstadt", produziert. Beides ist Vergangenheit. Aber ein Dilemma bleibt. Carl Spitzweg hat es in Verse gefasst: "Gedanken, weisheitsvoll, wenn ich sie jemals hab. Sie brechen immer mir beim Bleistiftspitzen ab."