Vielleicht weiß niemand unter den Lebenden so viel über den Tod an der Morandi-Brücke zu berichten wie Saverio Ferrari. Am Montagvormittag, sechs Tage nach dem Unglück, bittet er in seine Wohnung in einem kleinen Ort außerhalb von Genua. Er erholt sich hier mit Frau und Katze von einem ereignisreichen Leben. Ferrari hat als Ingenieur in Saudi-Arabien gearbeitet, in Liberia, Algerien, Nigeria, Griechenland, Marokko, Libyen. In Ägypten traf er mal den Papst, im Irak half er in den Achtzigerjahren, das "Denkmal des Unbekannten Soldaten" zu errichten. Ferrari, 86, hat noch die Broschüre, in der Saddam Hussein das Bauwerk im Zentrum Bagdads als "gewaltiges Monument" und "glorreiches Symbol" seines Landes lobt.

"Ich habe ein bisschen was gesehen", sagt Ferrari. Er sieht aus, als sei er gerade erst zurückgekehrt vom letzten großen Abenteuer, trägt Wüstenhemd, Jeans und Schlappen, hinter ihm auf dem Schreibtisch reckt sich die Antenne seines uralten Weltempfängers in die Höhe, um Nachrichten noch aus der letzten Ecke der Welt einzufangen. Er ist schon lange in Rente, die Sehnsucht nach der Ferne aber ist geblieben.

Bevor er hinauszog in die weite Welt, konstruierte Ferrari als junger Mann an der Seite des Architekten Riccardo Morandi den Polcevera-Viadukt. "Wir haben 1963 begonnen, die Brücke zu bauen", erinnert sich Ferrari. Er arbeitete zu dieser Zeit als freiberuflicher Ingenieur und sollte seine Expertise bei den Berechnungen der Brücke einbringen. "Morandi war ein zurückhaltender Mann", sagt Ferrari. "Aber man merkte, dass er für das Projekt brannte. Er war voller Leidenschaft für die Brücke." Jedes noch so bedeutungslose Detail habe er genau begutachtet. "Er wollte alles mit eigenen Augen überprüfen."

Schon Morandis Entwurf hatte Ferrari begeistert. Eine Schrägseilbrücke, 1102 Meter lang, getragen von 90 Meter hohen Pylonen, die Seile, die die Fahrbahn hielten, mit Beton ummantelt. Ein Wunder. Ein Wahnsinn. Es kam auf die Sichtweise an. In Italien sollte der Polcevera-Viadukt, den die meisten heute unter dem Namen Morandi-Brücke kennen, jedenfalls ein neues Zeitalter einläuten. Im heraufziehenden Wirtschaftsboom sollte er eine Hauptverkehrsader werden.

Ingenieur Saverio Ferrari hat an der Brücke mitgebaut. Er berechnete die Traglast. © Francesca Volpi für DIE ZEIT

Ferrari hatte, ehe er mit Morandi in Genua zusammentraf, einiges über den Meister gehört. Ferrari war ein junger Mann in seinen Dreißigern, ein aufstrebender und wissbegieriger Ingenieur, Morandi galt bereits als einer der größten Architekten Italiens, hatte sich einen Namen als Spannbetonbrücken-Koryphäe gemacht. Ferrari bewunderte ihn. In Kalabrien hatte Morandi bei der Planung erdbebensicherer Kirchen mitgewirkt, in Rom Kinos entworfen, in Venezuela war es ihm gelungen, eine gut acht Kilometer lange Brücke über den Maracaibo-See zu ziehen.

Morandi und Ferrari arbeiteten gut zusammen, der Architekt vertraute seinem Ingenieur, schätzte dessen Fachwissen; Ferrari schätzt umgekehrt Morandi noch heute. Er hält ihn nach wie vor für einen herausragenden Architekten, und es schmerzt den Ingenieur, dass der Name Morandi nun untrennbar mit dem Tod verbunden ist.

© ZEIT-Grafik

Als Morandis Bauwerk am 14. August zusammenbrach, auf einer Länge von 200 Metern, als die Katastrophe Genua in zwei Teile zerriss, da war der Mann, der die Brücke erdacht hatte, seit fast dreißig Jahren tot und fast vergessen. Nun ist er noch einmal zu unrühmlicher Bekanntheit gekommen. Morandi steht scheinbar plötzlich für Schuld und Unvermögen.

Das Unglück von Genua allerdings hat eine Vorgeschichte.

Als sie in Genua mit den Bauarbeiten für den Polcevera-Viadukt begonnen hatten, stürzte in Venezuela ein Teil der Brücke über dem Maracaibo-See zusammen. Ein Öltanker hatte zwei Stützpfeiler eingerissen, sieben Menschen kamen ums Leben. Es hieß, Morandi habe in seinen Entwürfen eine mögliche Kollision mit den auf dem See fahrenden Schiffen nicht einkalkuliert.

Im Nachbarland Kolumbien steht eine Brücke des Architekten zwar noch, Reedereien sollen sich jedoch über die Konstruktion ärgern, sie sei zu niedrig, große Schiffe kämen nicht unter ihr hindurch. In Libyen mussten die Behörden im vergangenen Jahr aus Sicherheitsgründen die Brücke über das Wadi Al-Kuf sperren, die Morandi 1971 fertiggestellt hatte. Und in der Basilikata, im Süden Italiens, steht die Carpineto-Brücke, die Morandi ganz ähnlich konstruiert hat wie den Polcevera-Viadukt. Vor Jahren hat man dort gravierende Mängel entdeckt. Nun wird sie für 53 Millionen Euro saniert.