Das Genre des Memoirs hat im angloamerikanischen Raum eine lange Tradition, und auch in Deutschland findet sich die Form des literarischen Erinnerungstextes inzwischen häufiger auf Bestenlisten. Selbst bedeutende Literaturpreise kann man mit dieser dem Essay verschwägerten Gattung hierzulande gewinnen. So wurde Natascha Wodin für ihre familiäre Spurensuche Sie kam aus Mariupol im letzten Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stehen in diesem Jahr mit Maxim Billers Sechs Koffer, Angelika Klüssendorfs Jahre später oder Susanne Fritz’ Wie kommt der Krieg ins Kind gleich mehrere stark autobiografisch geprägte Bücher, wobei die meisten von ihnen das Etikett "Roman" tragen.

Dass dieses Etikett mitunter sehr problematisch ist, zeigt Helene Hegemanns drittes Buch Bungalow, das ebenfalls nominiert ist. Wie schon in ihrem Debüt Axolotl Roadkill steht ein gerade zur jungen Frau reifendes Mädchen im Mittelpunkt, eine Göre mit schneller Zunge, rotzigem Gebaren, einer tiefen Verletzlichkeit. Wie die Autorin ist sie mit dem Talent für lässige Pointen ausgestattet.

Und wie auch die Autorin wächst Charlie, so ihr Name, bei ihrer alkoholkranken Mutter auf, die, zumindest im Buch, zuweilen Stimmen hört, die ihr befehlen, der eigenen Tochter ein heißes Bügeleisen auf den Rücken zu drücken. Über weite Strecken hat Bungalow dadurch etwas von einer Sozialreportage an sich. Es ist die höchst ergreifende Schilderung dessen, was es bedeutet, in gänzlich ungesicherten, ja aussichtslosen Verhältnissen aufzuwachsen: "Jeder, der einen Säufer zu Hause sitzen hat oder selber einer ist, kann sich denken, dass aus den Vorkommnissen der Nacht keine nennenswerten Konsequenzen gezogen worden sind."

Eine solche Mischung aus Coolness und Erzählfuror findet man in der deutschen Literatur (und nicht nur in der) selten. Nur leider konnte oder wollte sich Helene Hegemann nicht dazu entscheiden, tatsächlich ein Memoir zu schreiben. Vielleicht auch war es ihr nur möglich, im Gewand des Romans von der eigenen Geschichte zu berichten.

Dieses Gewand aber sitzt leider schlecht, die romanhaften Elemente, mit denen Hegemann arbeitet, wirken wie angeklebt. So erscheint die obsessive Liebesbeziehung, die Charlie mit einem Ehepaar aus besseren Verhältnissen verbindet – das Paar sitzt im schnieken Bungalow, während Charlie und ihre Mutter in der Mietskaserne hausen –, seltsam irreal. Zudem spielt Hegemann mit Elementen des dystopischen Romans: Von einer Selbstmordwelle ist die Rede, von Geiselnahmen, von einem großen Krieg, von einer zerstörten Ozonschicht, die dazu führt, dass die schließlich Sechzehnjährige tagsüber nicht mehr das Haus verlassen kann.

Da all diese Endzeitszenarien aber kaum ausgeführt werden, fragt man sich, ob sie nicht lediglich sinnbildlich für die gestörte und gespaltene Gesellschaft stehen, von der Hegemann erzählen möchte, ob sie warnend oder gar prophetisch anmuten sollen. Leider wirken sie vor allem wie halbherzige Versuche, eine Geschichte irgendwie atmosphärisch aufzuladen und aus einem Memoir einen Roman zu machen. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen.

Helene Hegemann: Bungalow
Roman; Hanser Berlin, Berlin 2018; 288 S., 23,– €